Experten im Dialog

Dr. Renftel und Team digitalisieren Hanau

einfo digital: Herr Dr. Renftel, was bewegt Hanau gerade besonders?

Renftel: Oh, da gibt es ein zentrales Thema: Die Hanauer Stadtverordnetenversammlung hat am 20. September 2018 einstimmig eine historische Entscheidung für die Geschichte der Stadt getroffen. Hanau, die Brüder-Grimm-Stadt, strebt zum 1. April 2021 die Kreisfreiheit an. Mit diesem Beschluss ist der Startschuss für das zukunftsorientierte Projekt Kreisfreiheit gefallen.

Die Dynamik, mit der Hanau sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, zeigt, wie wichtig zukunftsorientierte Entscheidungen für die nachfolgenden Generationen sind. Große Projekte, die das Stadtbild nachhaltig positiv gestaltet haben und weiter verändern, sind die Landesgartenschau 2002, die Errichtung des Congress Park Hanau, die umfassende Innenstadtentwicklung oder die insgesamt 340 Hektar Konversionsflächen, von denen bereits 250 Hektar neu genutzt werden.

In Hanau spricht man von „Unternehmung Stadt“ und „Stadtläden“ – gibt es bei Ihnen eine besondere Verwaltungskultur?

Von Hanauer Verwaltungskultur würde ich vielleicht nicht sprechen, aber schon seit vielen Jahren betrachten wir die Weiterentwicklung unserer Stadt als Einheit. Die Stadt ist nicht losgelöst von der Kernverwaltung und aufgeteilt in unterschiedliche Rechtsformen der Aufgabenträger. Entsprechend sind die städtischen Gesellschaften in der Beteiligungsholding Hanau GmbH zusammengefasst. Zusammen sehen wir es als „Unternehmung Stadt“. Alle Einheiten sind kunden- und bürgerorientiert. Das schlägt sich dann auch in der Namensgebung nieder: Aus Bürgerbüros werden Stadtläden – das sind Anlaufpunkte für Bürger vor Ort und gleichzeitig Partner für unsere Digitalisierungsprojekte.

Wo steht Hanau digital?

Auf die Unternehmung Stadt bezogen sind wir nicht schlecht aufgestellt. Besonderes Augenmerk legen wir auf die internen Abläufe. Ein von den Bürgerinnen und Bürgern online ausfüllbares Antragsformular, das anschließend in der Verwaltung manuell weiterverarbeitet wird, steht bei uns nicht für „Digitalisierung“. Vielmehr gehen wir direkt von den internen Verwaltungsprozessen als Grundlage für eine effiziente Digitalisierung aus. Hier setzen wir an. Aber auch Bürgerservices, sei es für die Kernverwaltung oder die städtischen Gesellschaften, haben wir im Fokus.

Digitale Offensive 2025 – was haben Sie vor?

Die Digitale Offensive 2025 ist der von Stadtverordnetenversammlung beschlossene Rahmen für all unsere Digitalisierungsaktivitäten. Hinzu kommen weitere Rahmenbedingungen, wie die umfassenden Anforderungen des Onlinezugangsgesetz (OZG) bis 2022. Mit Vorlage des OZG-Umsetzungskataloges kennen wir nun ungefähr den Umfang der Digitalisierungsprojekte. Aber auch für uns sind noch viele Fragen offen – und das zeigt sich auch bei den von uns geplanten Projekten. Wie verteilen sich die effektiven Aufgaben zwischen Kommunen, Land und Bund? Was wird zentral zu welchem Zeitpunkt bereitgestellt? Um Doppelinvestitionen zu vermeiden, konzentrieren wir uns daher bei den Bürgerservices zunächst vorwiegend auf rein kommunale Zuständigkeiten.

Wer wird besonders profitieren?

Alle zusammen! Intern profitieren wir von effektiveren, schlankeren und schnelleren Prozessen, die Nutzer wiederum gewinnen durch den direkten Online-Zugang und schnellere Abwicklung. Für uns ist der vom OZG geforderte „digitale Zugang“ Ansporn, zielorientiert an der Automatisierung der jeweiligen, dann optimierten, Verwaltungsprozesse zu arbeiten.

In welchen Schritten wollen Sie die umfassende Initiative ins Werk setzen?

Aktuell schaffen wir, wieder mit Blick auf die gesamte Unternehmung Stadt, die Basiskomponenten. Hierzu zählen ein gemeinsames Portal mit Authentifizierung z.B. über das zentrale Service-Konto des Landes, eine e-Payment-Möglichkeit, aber auch ein neues Enterprise Content Management (ECM). Zugleich nutzen wir die Digitalisierung auch, um gleichzeitig unsere IT-Umgebung zu konsolidieren.

Sie können vermutlich nicht alles auf einmal angehen. Wie legen Sie die Prioritäten fest? Und wie koordinieren Sie sich organisatorisch?

Digitalisierung ist tatsächlich nur im Team zu stemmen. Gemeinsam mit dem IT-Service Center (ITSC) erfolgt die Projektentwicklung und anschließende Umsetzung. Die Priorisierung und Entscheidung fällt im Management Board Digitalisierung, das sich seinerseits aus Vertretern von Verwaltung, Beteiligungsholding und ITSC zusammensetzt.

Nehmen wir das Beispiel eGovernment, wie gehen Sie hier vor?

Zum Projektstart haben uns alle Organisationseinheiten Vorschläge zu Prozessen gegeben, die wir digitalisieren wollen. Dies ergab schnell einen Blick auf die Bereiche „wo der Schuh drückt“`. Damit war auch klar, wo die Umsetzungsbereitschaft am größten ist. Nach einer quantitativen Analyse haben wir die Projekte priorisiert und dann technische Lösungen gesucht. Bei den Teil-Projekten Bewohnerparkausweis, Urkundenanforderung im Standesamt und online-Anhörung im Bußgeld-Verfahren ist dann beispielweise die ekom21 unser Lösungspartner geworden.

Und Schritt drei ist dann die Vernetzung in Richtung Smart City und IoT?

Dem stehen wir grundsätzlich sehr offen gegenüber. Wir müssen allerdings auch die vorhandenen Ressourcen im Blick halten und Prioritäten setzen. Daher können leider nicht alle wünschenswerten Themen gleichzeitig angehen.

Aber wir gehen gerade ein Leuchtturm-Projekt an. Oder sollte man vielleicht besser Pionier-Projekt sagen? Es handelt sich nämlich um das 47 Hektar große Areal der ehemaligen Pioneer Kaserne, das wir zu einem neuen, modernen Wohnquartier mit 1.600 Wohneinheiten für etwa 5.000 Menschen entwickeln. Hier entsteht ein „Stadtquartier der Zukunft“. Die Stadtwerke Hanau haben eigens die Gesellschaft PionierWerk GmbH gegründet, um das Areal zukunftsorientiert mit Elektromobilität, Telekommunikation und Smart-Home-Lösungen auszustatten. Ein Glasfasernetz mit Highspeed-Breitband mit bis zu 1 Gbit soll ein Kombiangebot aus Internet, Telefon und TV ermöglichen.

Erschrecken Sie die Verwaltungsprofis nicht mit Rationalisierungsmaßnahmen? Wie binden Sie diese ein und gewinnen Mitstreiter für die digitale Offensive?

Für uns ist die gemeinsame Umsetzung der Digitalisierung mit den Fachleuten essentiell. Digitalisierungsprojekte kann ja man nicht einfach von oben vorgegeben. Schließlich sind sie vor allem als Entlastung für die Verwaltung gedacht. So werden sie dann meist auch vor Ort gesehen und entsprechend unterstützt. Wenn wir da starten, wo der sprichwörtliche Schuh drückt, erreichen wir in der Regel auch deutlich spürbare Entlastungen. Das überzeugt, denn die positiven Ergebnisse sprechen sich herum. Für das Projekt-Team ist das großartig. Es hat aber noch einen zweiten Effekt: Immer häufiger kommen aus den Bereichen Anfragen und Anregungen, wo sich die Digitalisierung von Prozessen besonders lohnt.

Sie wollen aus Technologie den maximalen Nutzen ziehen. Wie schätzen Sie die neuesten Trends KI, Machine Learning oder Bots für Hanau ein?

Die Entwicklung unserer Stadt ist seit vielen Jahrhunderten durch Innovation geprägt. Würden wir die Augen vor Neuerungen verschließen, wäre Hanau nicht der prosperierende Standort von heute. Aktuell migrieren wir unseren Internetauftritt www.hanau.de. Mit rund 60.000 Dokumenten ist er eine einzigartige Wissensquelle, deren Inhalte momentan noch im Verborgenen schlummern. Nach dem Relaunch planen wir den Einsatz eines govBots mit KI-Technologie, um noch zielgerichteter und schneller Informationen bereitzustellen.

Welche Bedeutung hat Informationstechnologie für Hanau gestern, heute und morgen?

Hier gleitet man leicht in Allgemeinplätze ab. Als ich beispielsweise ab 1997 begann, den ersten offiziellen Hanauer Internetauftritt zu konzipieren, war es noch schwer vorstellbar, was wir heute als Standard ansehen. Die Entwicklung ist rasant und so rasant ist auch die Bedeutung gestiegen. Niemand kann sich heute noch eine Welt ohne IT vorstellen. Gerade mit Umsetzung von Digitalisierungsprojekten, dem Weg zur Smart City oder IoT wird die Durchdringung in allen Lebensbereichen zunehmen. Das sieht und spürt fast jeder im eigenen Umfeld. Doch auch diejenigen, die weiterhin noch den analogen Weg „zum Amt“ gehen wollen, nehmen wir selbstverständlich mit.

Wie soll Hanau in zehn Jahren sein? Was wünschen Sie sich?

Mit den nun eingeleiteten Schritten zur kleinsten Großstadt Hessens gehe ich fest davon aus, dass die Brüder-Grimm-Stadt sich weiter zum prosperierenden Zentrum im Osten der Metropolregion Rhein-Main entwickeln wird. Wir sind hier auf dem besten Weg.

Und was begeistert Sie privat?

Das lässt sich leicht auf den Punkt bringen: ein wunderbares Familienleben.

Weiterführende Informationen

Wir verwenden Cookies um sicherzustellen, dass wir Ihnen ein optimales Besucher-Erlebnis auf ekom21.de bieten. Durch die Nutzung unserer Website erklären Sie sich mit diesem Einsatz von Cookies einverstanden.