Interview

Bürgermeister im Dialog: Daniel Iliev aus Heringen Kicken in Heringen an der Werra 

einfo21 digital: Herr Iliev, was zeichnet Heringen besonders aus? 

Daniel Iliev: Heringen steht für Industrie, bergmännische Tradition und soziales Miteinander auf der einen Seite. Heringen steht aber auch für Idylle, Familienfreundlichkeit und romantische Natur. Wir haben hier alles, was es braucht, um glücklich zu sein.

Allerdings stehen wir auch vor großen Herausforderungen. Ich habe bei meinem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren eine Kommune mit über 100 Millionen Euro Schulden übernommen. Bei etwa 7.300 Einwohnern ist dies schon jede Menge Holz. Wir mussten für uns also die Frage beantworten: Wie schaffen wir es, bei möglichst niedrigem finanziellen Einsatz eine möglichst attraktive Stadt zu sein?

einfo21 digital: Herr Iliev, was sind aktuell Ihre wichtigsten Projekte für Heringen?

Daniel Iliev: Wie viele andere hessische Kommunen auch kämpfen wir natürlich mit engen finanziellen Spielräumen. Da ist leider nicht viel Platz für freiwillige Leistungen. Aber wir stehen für die Bürger ein und wollen ihnen etwas bieten, damit sie sich hier wohlfühlen. 
Aktuell stehen wir vor einem besonderen Umbruch: Heringen ist kürzlich in das Stadtumbauprogramm des Landes aufgenommen worden. Das ist eine tolle Chance, um unser kleines Städtchen weiter auf Vordermann zu bringen. Und in den nächsten zehn Jahren werden wir sicher damit ordentlich zu tun haben. 

Wir wollen zudem unseren hervorragenden Pflege- und Gesundheitsbereich weiter ausbauen und stärken. Des Weiteren sind wir in der glücklichen Situation, einen starken stationären Handel zu haben. Das soll so bleiben und wir werden diesen durch eine nachhaltige und durchdachte Innenstadtgestaltung gezielt fördern. 

einfo21 digital: Der ländliche Raum steht vor besonderen Herausforderungen. Wie gehen Sie in Heringen damit um? 

Daniel Iliev: Wir sind mit diesen Herausforderungen ja nicht allein. Diese Einsicht hilft dabei Verbündete zu finden, die eben auch vor diesen Herausforderungen stehen. 

So arbeiten wir beispielsweise sehr auf interkommunale Zusammenarbeit mit unseren Nachbar-Kommunen hin. Uns geht es hier in der Region zunächst darum, das Erreichte der letzten Jahrzehnte zu sichern. Aber so erschließen wir auch neue Wege, um aus der derzeitig schwierigen Situation gestärkt hervorzugehen. Wenn wir über den Tellerrand schauen, uns mit unseren Nachbarn austauschen und kooperieren, profitieren wir als Stadt immens. Das lässt sich aber nur aktiv gestalten. Ich bin ein Freund davon, die Zügel selbst fest in die Hand zu nehmen. 

einfo21 digital: Welche Maßnahmen ergreifen Sie, welche Chancen sehen Sie, welche Projekte sind schon in Umsetzung?

Daniel Iliev: Wir haben etwa unsere Breitbandversorgung selbst in die Hand genommen und völlig selbständig ausgebaut. Seit rund zwei Jahren rasen die Daten in Heringen. Mit Hochgeschwindigkeit durchs Netz surfen, das freut die Bürger von Jung bis Alt. Aber es geht um mehr als Freude, denn die Breitband-Versorgung ist Voraussetzung für die Zukunft und ein handfester Standortvorteil. Diesen nutzen wir gezielt, um etwa junge Familien zu gewinnen. Oder nehmen Sie den Bereich Wirtschaft – hier können wir kleine Unternehmen und Gewerbe stärken und neue anzuziehen. Schnelles Internet ist für mich das, was früher die Strom- und Wasserversorgung war – einfach (über-)lebensnotwendig.

Eine weitere Maßnahme ist das bereits angesprochene Stadtumbauprogramm. Die Stadt Heringen wird sich in den nächsten Jahren einem Facelifting unterziehen. Wir arbeiten noch in vielen weiteren Feldern: Etwa an einem ausgefeilten Tourismus- und Stadtmarketingkonzept, an der Sicherung einer exzellenten frühkindlichen Bildung oder an der Bereitstellung von ausreichend Wohnraum. Ganz wichtig für Heringen ist auch die Sicherung der ärztlichen Versorgung. 

einfo21 digital: Welche Bedeutung hat aus Ihrer Erfahrung das Infrastruktur-Angebot einer Kommune für Bürger und Gewerbe?

Daniel Iliev: Infrastruktur-Angebote gehören für mich zur Daseinsvorsorge, aber diese müssen sicherlich nicht immer ausschließlich von der Kommune erbracht werden. Kommunen müssen – wie die gesamte öffentliche Hand – aus knappen Ressourcen das Bestmögliche machen. Das müssen wir uns überlegen und innovativ handeln. 

Nehmen wir das Beispiel ÖPNV: Heutzutage sind wir so mobil wie noch nie. Trotzdem bleiben Menschen ohne Auto oder jemanden, der sie fährt, oftmals sprichwörtlich auf der Strecke. Ich möchte dem Landkreis als Träger keinen Vorwurf machen. Ohne Zweifel kostet ein weitreichendes öffentliches Verkehrsnetz viel Geld. Aber es wird benötigt! Ich glaube, hier könnten wir insbesondere für immobile Menschen den Alltag viel besser und einfacher gestalten. 

Vielleicht ist die Digitalisierung in diesem Bereich eine Chance: personenbefördernde Drohnen, autonome Busse, eine kommunale Fahrten-Vermittlungs-Plattform oder, oder, oder. 

einfo21 digital: Heringen hat jüngst einen „Runden Tisch der Wirtschaft“ organisiert. Sie suchen auch sonst neue und moderne Wege der Interaktion mit den Bürgern. Wie sind Ihre Erfahrungen? 

Daniel Iliev: Den runden Tisch haben wir als Instrument genutzt, um in den Dialog zu treten, um Interessen und Beweggründe kennen zu lernen und um dann in der Folge auch gezielt Lösungen zu entwickeln. Damit haben wir einen Prozess angestoßen, um Handel und Gewerbe zu stärken. 

Der runde Tisch ist in der Tat nur einer von mehreren Interaktionskanälen mit den Heringern. Ich bin in Heringen aufgewachsen, habe hier mein Abitur gemacht und spiele bis heute in meinem Heimatverein Fußball. Ich kenne also aus eigener Anschauung viele Herausforderungen und Bedürfnisse der Heringer und stehe im Dialog. 

Aber ich bin auch ein offener Mensch, der direkt auf Menschen zugeht, fragt und neue Formen der Interaktion nutzt – auch soziale Medien. Wem es entgegen kommt, der kann den Bürgermeister von Heringen auch per Twitter oder Facebook kontaktieren. Der Austausch untereinander ist mir wichtig – offline und online. Das kommt gut an. Und auf Veranstaltungen sitze ich nie alleine. Das ist doch ein gutes Zeichen.

einfo21 digital: Wie bringt eine vergleichsweise kleine Kommune die notwendigen Mittel für Innovationen und Stadtentwicklung auf?

Daniel Iliev: Das ist in der Tat schwierig. Wir haben schlicht weniger finanzielle und personelle Ressourcen als mittelgroße Städte. Es braucht also eine gute Portion Pragmatismus. Ein guter Ansatzpunkt ist die interkommunale Zusammenarbeit. Wir sollten uns im ländlichen Raum als Region verstehen und gemeinsam Potential und Chancen nutzen – etwa mit der städteübergreifenden Förderung von Gewerbe- und Freizeitclustern. Insgesamt brauchen sich weder Heringen noch das Werratal vor anderen Regionen zu verstecken. 

einfo21 digital: Und die Verwaltung? Wie sah die Verwaltung vor zehn Jahren im Vergleich zu heute aus, was hat sich seither geändert? 

Daniel Iliev: Verwaltungsmodernisierung geht nur Schritt für Schritt. Zwar hatten wir auch schon vor zehn Jahren spezielle Kommunikationsmittel, aber es hat sich vieles sehr stark weiterentwickelt. Diesen technologischen Fortschritt nutzen wir in Zusammenarbeit mit der ekom21 auf dem Weg zum digitalen Rathaus sehr gezielt. 

einfo21 digital: Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Herausforderungen für Kommunen?

Daniel Iliev: Demographischer Wandel, demographischer Wandel und demographischer Wandel. Wir brauchen junge Menschen in unseren Kommunen.

einfo21 digital: Was bedeutet die Kali-Industrie für die Stadt?

Daniel Iliev: Seit mehr als 100 Jahren wird Kali aus den Tiefen des Werratals gewonnen. Das hat zu einer engen Verbundenheit mit der Industrie und bergmännischen Tradition geführt. Und das macht einen dann auch stolz. Als kleines Kind habe ich immer staunend und mit offenem Mund auf den imposanten „Monte Kali“ geschaut. Auch heute ertappe ich mich manchmal dabei. Und das geht nicht nur mir so. Jeder Heringer hat jemanden in der Familie oder im Freundeskreis, der beim örtlichen Kali-Produzenten arbeitet. 

Es gibt aber nicht nur eine emotionale Bindung, sondern auch eine finanzielle. Hier sagt man nicht umsonst, wenn der Kali-Produzent K+S hustet, dann hat Heringen eine Grippe. Manchmal liegen wir sogar auf der Intensivstation, aber dann schütteln wir uns kurz und dann geht es weiter – Bergmänner eben.

einfo21 digital: Wie wünschen Sie sich Ihre Heimatstadt 2030?

Daniel Iliev: Dafür möchte ich ein Zitat aus meinem Wahlkampf vor zwei Jahren bemühen. Die Worte sind aus meiner Sicht auch heute noch gültig: „Meine Vision eines Heringen im Jahr 2030 ist die einer modernen, lebenswerten und finanziell abgesicherten Kleinstadt im Herzen Deutschlands. Menschen leben gerne bei uns, Kinder und Jugendliche bereichern unseren Alltag und ein sicherer Arbeitsplatz sorgt für unseren Wohlstand. Heringens Einwohnerzahlen sind zudem nicht rückläufig. Ganz im Gegenteil: Wir erreichen wieder einen stabilen Zugewinn durch Zuzüge und positive Geburtenraten“.

einfo21 digital: Und was begeistert Sie privat?

Daniel Iliev: Leider zu Vieles, wofür ich heute kaum noch Zeit habe. Früher habe ich fast jeden Abend gelesen oder Gitarre gespielt. Heute bin ich froh, wenn ich mir einmal im Monat dafür Zeit nehmen kann. Aber damit ich nicht immer nur im Büro sitze, gehe ich immer noch regelmäßig und mit Leidenschaft Fußballspielen und Kegeln. 

Weiterführende Informationen

Reportage: Verwaltungsmodernisierung in Heringen am Kalimanjaro
Werra, Wald und weißer Berg – Streifzüge durch Heringen in Vergangenheit und Gegenwart
Hier geht es zum Rathaus von Heringen
Informations-Broschüren zu Heringen und Umgebung findet man hier

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