Bürgermeister im Dialog

Der Fusionierer: Christian Kehrer aus Oberzent

einfo21 digital: Oberzent ist flächenmäßig die drittgrößte Stadt Hessens, wie ist es dazu gekommen?

Christian Kehrer: Das entscheidende Datum für die Gründung der Stadt Oberzent war der 6. März 2016. An diesem Tag nämlich fand zusammen mit der Kommunalwahl ein Bürgerentscheid statt – das Ergebnis: 82 Prozent der Bürgerinnen und Bürger haben für die Fusion der vier Kommunen Beerfelden, Hesseneck, Rothenberg und Sensbachtal gestimmt. Mit diesem Bürgerentscheid ist dann am 1. Januar 2018 die neue Stadt mit 19 Stadtteilen, rund 10.200 Einwohnern und einer Fläche von 165 km² (nach Frankfurt und Wiesbaden die größte Stadt Hessens) entstanden.

einfo21 digital: Was waren wichtige Etappen bei der Fusion?

Christian Kehrer: Tatsächlich hat die Fusion eine Vorgeschichte. Bereits seit 2008 hatten sich die später fusionierten Kommunen im Zweckverband KommunalService Oberzent zusammengeschlossen. Die Interkommunale Zusammenarbeit (IKZ) hat mit dem Finanz- und Kassengeschäft angefangen, später kamen andere Bereiche wie Standesamtswesen, IT und Telekommunikation hinzu. Die Zusammenarbeit war sehr erfolgreich. Wir konnten Geld einsparen und zugleich den Bürgern guten Service bieten.

Mit der Entwicklung im ländlichen Raum und der Demographie aber war klar, wir müssen weiterdenken. Die nächste Etappe war eine Machbarkeitsstudie über die Schaffung einer zukunftsfähigen Verwaltungs- und Kommunalstruktur für Oberzent. Die Studie hat den Status quo abgewogen gegenüber einem Gemeindeverwaltungsverband – also vier eigenständigen Kommunen mit gemeinsamer Verwaltung – und einer Stadtgemeinde, bei der auch die vier Kommunen in einer einzigen neuen Kommune aufgehen.

einfo21 digital: Spannend, wie ging es weiter?

Christian Kehrer: Mit der Machbarkeitsstudie konnten wir den Bürgern eine solide Entscheidungsgrundlage an die Hand geben. Und die Wahl: Die Zustimmung für die Stadtgemeinde fiel mit 82 Prozent deutlich aus.

einfo21 digital: Besondere Herausforderungen, Glücksmomente, Resonanz der Bürger – was hat Sie und die Kommunen im Rückblick besonders bewegt?

Christian Kehrer: Man muss die Bürger involvieren, abholen, aufklären, überzeugen und intensiv im Dialog bleiben. Das ist für mich einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Und das haben wir auch getan: In Summe haben die Verantwortlichen zahlreiche Bürgerversammlungen, Sitzungen und Arbeitstreffen durchgeführt. So konnten wir Chancen aufzeigen, aufklären und Befürchtungen der Bürger ausräumen.

Eine Sorge war, dass Einrichtungen wegen der Fusion geschlossen würden. Genau das Gegenteil war der Fall, denn die angespannte Finanzsituation der vier einzelnen Kommunen hätte eher Schließung nach sich gezogen. Die Chance der Fusion, durch mehr Effizienz bessere Leistungen bei geringerem Mitteleinsatz zu erzielen, hat überzeugt.

Der größte Glücksmoment für mich war das positive Ergebnis des Bürgerentscheids. Die hohe Wahlbeteiligung und die Zustimmung waren der Auftrag, den Fusionsprozess zügig voranzubringen.

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Stadtteil Beerfelden von oben ((c) Paul Bellut)

einfo21 digital: Welche Rolle hat die IKZ gespielt?

Christian Kehrer: Die IKZ im Vorfeld der Fusion war entscheidend. Die Bürger haben erkannt, dass sich eine produktive Zusammenarbeit der Kommunen auch positiv auf das Angebot für sie selbst auswirkt. Der Zweckverband KommunalService Oberzent war der Beleg für das Funktionieren und ein starkes Argument für die Fusion.

einfo21 digital: Zurück zu Gegenwart und Zukunft: Wo steht die Stadt Oberzent derzeit?

Christian Kehrer: Oh, die Fusion ist ein umfassendes Projekt mit vielen Einzelfragen – Straßen-Umbenennungen, IT, neue Verwaltungsprozesse, Personalplanung und so weiter. Kurzum, ein solides Fundament ist nötig und braucht seine Zeit.

Auch wenn es jetzt nur noch die Stadt Oberzent gibt, sind doch die früheren Verpflichtungen nicht vergessen. Konkret wurden aus den Haushalten der vier ehemaligen Kommunen ausstehende Projekte und Bauvorhaben mit einem Volumen von fast sechs Millionen Euro auf die neue Stadt übertragen. Hier arbeiten wir intensiv an der Umsetzung. Das führt manchmal auch dazu, dass wir uns in der Stadtverwaltung noch sehr viel mit der Vergangenheit beschäftigen. Unser nächstes Ziel ist es, hier aufzuholen und sich mit der neuen Stadt zukunftssicher aufzustellen.

einfo21 digital: Und die Verwaltung?

Christian Kehrer: Das lief parallel ab. Zum 1. Januar 2018 wurden vier Kommunalverwaltungen und das Personal des Zweckverband KommunalService Oberzent einer einzigen Verwaltung zusammengeführt. Dazu haben wir bereits im Vorjahr umfangreiche Vorbereitungen mit den Mitarbeitern getroffen. Zugleich haben wir die Verwaltung neu organisiert.

einfo21 digital: Wie ist die Verwaltung jetzt organisiert? Wie kommunizieren Sie mit den Bürgern – Bürgerbüros, eGovernment?

Christian Kehrer: Die Verwaltung ist in drei Säulen eingeteilt: Bürgerdienstleistungen, Planen und Bauen sowie Zentrale Dienste wie die Finanzabteilung. Weiterhin haben wir eine Stabsstelle eingerichtet und sind heute schlagkräftiger und moderner aufgestellt als früher. Und als Standorte nutzen wir weiter die vier ehemaligen Rathäuser, denn in allen ehemaligen Kommunen sind Bürgerbüros und Einwohnermeldeämter eingerichtet. Die Wege sind damit so kurz wie früher – und werden durch eGoverment-Dienste im kommenden Jahr noch kürzer. Dann können viele kommunale Dienstleistungen über das Internet erledigt werden.

einfo21 digital: Welche Rolle spielt generell Informations-Technologie für die Fusion und die Verwaltung in Oberzent?

Christian Kehrer: Informations-Technologie ist zentral für die Fusion, die neue Stadt Oberzent und die kommunale Verwaltung generell. Erst Technik ermöglicht es, ganz neue und deutlich effizientere Wege zu gehen. Und Effizienz ist für uns der Schlüssel zu einem Top Bürger-Service bei sinkenden Mitteln.

Bereits Anfang 2015 haben wir im Rahmen der IKZ die vier Verwaltungen über einen Zentralserver und einen gemeinsamen Telefonserver vernetzt. Die Vernetzung haben wir mit Hilfe der ekom21 weiter ausgebaut, die uns durch den ganzen Fusionsprozess hindurch sehr gut unterstützt hat. Stellen Sie sich vor, jemand müsste eine Akte der Liegenschaftsverwaltung aus Unter-Sensbach acht Kilometer mit dem Auto nach Beerfelden zum Ordnungsamt fahren. Die ekom21 hat Verfahren vereinheitlicht, Datenbestände zusammengeführt und angepasst, die Datenverbindungen ausgebaut und viele Sonderaufgaben im Zuge der Fusion erledigt werden. Heute haben unsere Mitarbeiter  unabhängig von Zeit und Ort von jedem Arbeitsplatz in den vier Verwaltungsstandorten digitalen Zugriff auf alle relevanten Verwaltungsvorgänge.

2018 etwa haben die Mitarbeiter im Bürgerservice alle Ausweisdokumente der Oberzenter – Personalausweis, Reisepass und Kfz-Scheine – aktualisiert. Die neue Postleitzahl und auch die 40 Straßenänderungen im Zuge der Fusion hat die ekom bei der Zusammenführung der Datenbestände aktualisiert. Manuell  wäre dies nicht möglich gewesen

Mit der ekom21 planen wir auch einen neuen Internetauftritt.

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Stadtteil Rothenberg ((c) Paul Bellut)

einfo21 digital: Nehmen wir das Beispiel eGovernment, wie gehen Sie hier vor?

Christian Kehrer: Wir sind verwaltungsintern bereits sehr gut digitalisiert. Die Neu-Organisation hat uns die Möglichkeit zu Prozess-Optimierungen gegeben, die wir auch im Hinblick auf eine weitere Digitalisierung hin genutzt haben. Damit haben wir die Voraussetzungen für eGovernment geschaffen. Für 2019 ist dann geplant, die eGovernment-Plattform Civento einzuführen und Stück für Stück auszubauen.

einfo21 digital: Wenn Sie zurück und zugleich ein wenig in die Zukunft schauen – was hat sich in der Verwaltung geändert und was wird in Zukunft noch kommen?

Christian Kehrer: Noch sind wir mit zu vielen Aufgaben aus der Vergangenheit und der Gegenwart beschäftigt. Und die Erwartungen seitens der Bürgerinnen und Bürgern sind sehr hoch, die anstehenden Aufgaben komplex und umfassend. Trotzdem: Die Verwaltung hat sich bereits professionalisiert. Das merken wir beispielweise bei aktuellen Stellenbesetzungen. Wir sind als Arbeitgeber attraktiver geworden.

einfo21 digital: Wie soll Oberzent in zehn Jahren sein? Was wünschen Sie sich?

Christian Kehrer: Die Stadt Oberzent liegt zentral zwischen den Metropolregionen Rhein-Main (Darmstadt/Frankfurt) und Rhein-Neckar (Heidelberg/Mannheim). Die Grundstückspreise für Neubauten sowie die Preise für Immobilien und Gewerbeflächen sind hier günstig. Entscheidend wird die Verkehrsanbindung sein. Ich hoffe, das Land hält sich an seine Zusage, den ländlichen Raum zu stärken. Die Stadt Oberzent muss sich in den kommenden Jahren attraktiv und interessant aufstellen. Daran arbeiten wir.

einfo21 digital: Und was begeistert Sie privat?

Christian Kehrer: Vor dem Fusionsprozess war ich ehrenamtlich sehr aktiv bei der Freiwilligen Feuerwehr in verschiedenen Funktionen. Die Fusion und jetzt das Amt des Bürgermeisters sind allerdings ziemlich zeitintensiv. Insofern müssen Privatleben und Hobbies momentan etwas hintenanstehen.   

                         

Weiterführende Informationen

  • Internet-Präsenz der Stadt Oberzent

https://www.stadt-oberzent.de

  • Grüner Riese im Odenwald – Hessenschau berichtet über Fusion

https://www.hessenschau.de/politik/oberzent-ein-gruener-riese-im-odenwald,oberzent-ist-da-100.html

 

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