Bürgermeister im Dialog: Thomas Fehling aus Bad Hersfeld 

 

Festspiele, Lullusfest, Engelhardt-Pils – Bad Hersfeld legt Wert auf Kultur und Tradition. Zugleich ist gerade in Bad Hersfeld die neue Zeit mit gleich zwei Amazon Logistik-Standorten unübersehbar. Das fordert auch Bürgermeister und Verwaltung gewaltig. einfo21 digital hat mit Bürgermeister Thomas Fehling gesprochen.
einfo21 digital: Was bewegt Bad Hersfeld derzeit besonders?
Thomas Fehling: Zunächst einmal sind wir schon sehr intensiv mit den Vorbereitungen für den Hessentag 2019 befasst. Das ist die größte Landesveranstaltung in Deutschland mit mehreren hunderttausend Besuchern.
Zum zweiten ergreift die Stadt gerade das Festspielfieber. Die Bad Hersfelder Festspiele gehen im Sommer in ihre 67. Saison. Wir erleben einen großartigen Kartenverkauf, Intendant Dieter Wedel hat ein eigenes Lutherstück verfasst und wird in Kürze die Schauspieler vorstellen. Die Festspiele in der Stiftsruine beginnen am 23. Juni.
einfo21 digital: Herr Fehling, was sind aktuell Ihre wichtigsten Projekte?
Thomas Fehling: Bad Hersfeld ist ein Mittelzentrum, aber mit hoher Zentralität für das Umland. Wir halten zahlreiche attraktive Infrastrukturen für die Region vor – Stadtbibliothek, die Wissens- und Erlebniswelt für Sprache und Kommunikation „wortreich“, zwei Veranstaltungshallen, drei Schwimmbäder, Kurpark und Kurhaus und einiges mehr, die aber zum Teil wie Blei in unseren Büchern liegen.
Anders gesagt: Wir denken permanent, und besonders in Zeiten knapper Kassen, über Strukturveränderungen und Optimierungen nach: Zusammenlegungen, gegebenenfalls Schließungen, neue organisatorische und personelle Konzepte, Energiemonitoring – solche zum Teil heiß diskutierten Themen beschäftigen mich aktuell und wohl auch in Zukunft.
In den letzten Monaten haben wir zudem im Rathaus einen Generationswechsel auf den Führungsebenen eingeleitet. In dem Zusammenhang sind alle Bereiche in der Stadtverwaltung, die für Veranstaltungen und Veranstaltungsorte verantwortlich sind, jetzt im neuen Fachbereich Stadtmarketing zusammengefasst. Kurbetrieb und Tourist Information, zwei Veranstaltungshallen und die Organisation des Lullusfests mit rund 450.000 Besuchern im Oktober sind personell und organisatorisch neu aufgestellt.
Da ist meine Verantwortung gefordert, zumal durch den neuen Fachbereich auch die Zusammenarbeit mit dem bestehenden Stadtmarketing-Verein neue Impulse erhalten soll. City-Management und Stadtentwicklung sind besonders in einem Randbereich unserer Innenstadt gefordert, der in den letzten Jahren an Attraktivität verloren hat.
einfo21 digital: Welche Bedeutung hat aus Ihrer Erfahrung das Infrastruktur-Angebot einer Kommune für Bürger und Gewerbe?
Thomas Fehling: Die Bürger erwarten eine funktionierende und moderne Infrastruktur. Bad Hersfeld hat eine Menge zu bieten, aber die Angebote müssen täglich verbessert und erweitert werden, um als Stadt für die Bürger attraktiv zu bleiben. Glasfaseranschluss, Digitalisierung und Smart City-Projekte schaffen hier neue Perspektiven für Unternehmer und Bürger.
einfo21 digital: Was steckt hinter dem Konzept „Bad Hersfeld 4.0“?
Thomas Fehling: Das ist für uns ein Arbeitstitel, um die Modernisierung der Stadt voranzubringen. Dahinter verbergen sich zahlreiche Einzelprojekte aus den Bereichen eGovernment und Smart City, die helfen werden, Bad Hersfeld als Wohlfühl- und Wirtschaftsstandort zu sichern und auszubauen.
einfo21 digital: Welche Chancen sehen Sie, welche Projekte sind schon in Umsetzung?
Thomas Fehling: Wir hatten ein über Jahre brachliegendes Parkleitsystem, welches wir ohne Tiefbauarbeiten mittels oberirdischer Sensoren und Echtzeit-Anzeige über Monitore wieder reaktiviert und stabil in Betrieb genommen haben. Das Energiemonitoring unser städtischen Immobilien und Anlagen reduziert deutlich unsere Kosten. Eine eigene Lärm-Messungs-App sendet anonymisiert Messdaten, um eine Lärmkartierung für das Stadtgebiet aufzubauen. Und wir sind dabei, unsere Straßenbeleuchtung schrittweise auf LED-Beleuchtung umzustellen – mit großen Einsparungen.
Aber es gibt noch eine ganze Menge an Ideen wie z.B. den Aufbau einer Plattform für urbane Daten, um darauf aufbauend Firmen und Startups die Entwicklung neuer Services zu ermöglichen.
Im Innenverhältnis der Stadtverwaltung ist ein Workflow zur Stundenerfassung auf Basis von civento-Prozessen der ekom21 in Arbeit. Das ist die Basis, um unsere städtischen Eigenleistungen bei Investitionsprojekten zu aktivieren.
einfo21 digital: Wo liegen die Herausforderungen bei Smart City und wie kann man diese angehen?
Thomas Fehling: Die Themen sind alle miteinander verzahnt. So besteht immer die Gefahr, sich zu verzetteln. Das Motto ist daher: Klein anfangen, aber anfangen! Dabei gilt es, die Balance zu halten zwischen dem „großen Plan“ und der Umsetzung konkreter und überschaubarer Projekte. Wir haben immer einen klaren Fokus auf dem Bürgernutzen. Am Ende der Projekte kommt immer etwas Gutes heraus, das jeder verstehen kann.
Natürlich müssen die Themen vorab an lokale Gremien und den Bürger vermittelt werden. Ein Punkt, der dabei jeweils ganz am Anfang der politischen und öffentlichen Debatte steht, ist der Datenschutz. Wenn Sie darauf keine guten Antworten haben, kommt das Projekt gar nicht zum Fliegen.
einfo21 digital: Wie bringt eine vergleichsweise kleine Kommune die notwendigen Mittel für die Innovationen auf?
Thomas Fehling: Schrittweises Vorgehen ist angezeigt. Wir gehen jedes Mal ein überschaubares Risiko ein und prüfen am Ende einer Phase, ob wir den angestrebten Bürgernutzen erreicht haben. Falls ja, dann steigen wir in die nächste Phase ein. So halten sich die Investitionen immer in einem handhabbaren Rahmen. Aber ganz ohne Investitionen kann man eine Stadt nicht modernisieren und attraktiv halten. Stillstand ist schleichender Untergang.
Ein erfolgreiches Vorgehen bei uns: Wir arbeiten in Pilotprojekten mit lokalen Dienstleistern zusammen, die erste Referenzfälle für ihre Anwendungen suchen oder zum Teil auch erst kurz vor der Markteinführung stehen. Wir steuern Anforderungen und praktische Erfahrungen bei und sind dafür dann Erstanwender zu günstigen Konditionen. Auch das spart Finanzmittel durch den Einsatz eigener Ressourcen.
Mittel- und langfristig müssen Städte versuchen mit den Daten, die sie produzieren, ihre Investitionen zu finanzieren. Nehmen Sie unsere lokalen Baustellen als konkretes Beispiel: Die Baufirmen brauchen eine Parkgenehmigung für ihre Fahrzeuge, die sie bei uns digital beantragen. Durch diesen digitalen Genehmigungsprozess weiß ich also, wann ein Bürgersteig gesperrt oder eine Straße blockiert ist. Informationen, die für Betreiber von Navigationsgeräten wertvoll sein können. Und die Stadt weiß es als erste…
Wie das Geschäftsmodell am Ende aussieht, weiß ich noch nicht genau. Dabei setzen wir auf einen Skaleneffekt: Bad Hersfeld allein bringt wenig. Aber wenn jetzt möglichst viele Städte – oder alle Städte – mitspielen, dann wird es wirklich interessant. Kein Datennutzer möchte mit hunderten von Städten einzeln verhandeln. Dazu brauchen wir strategische Partner.
einfo21 digital: Und die Verwaltung? Wie sah die Verwaltung vor zehn Jahren im Vergleich zu heute aus, was hat sich seither geändert?
Thomas Fehling: Wir haben uns alle Abläufe angesehen und – wo nötig – umgestellt. Viele Kernprozesse der Stadt sind inzwischen völlig neu gestaltet. Im Hochtechnologiesektor habe ich viele Jahre internationale Geschäfts- und Projekterfahrung gesammelt, die ich jetzt hier einbringen kann.
So waren wir die ersten in Hessen, die einen elektronischen Rechnungs-Workflow einführten. Alle Rechnungen, die per Papier reingehen, senden wir zu einem Dienstleister, der sie einscannt und uns in einem digitalen Format direkt in die Buchhaltung schickt.
Früher haben wir Tonnen von Rechnungen durch die Gegend „gekarrt“ – der eine hat sie angenommen, der zweite sachlich richtig deklariert, ein Dritter musste sie freigeben. Bei 10 bis 20 Euro Verwaltungskosten pro Rechnung sparen wir 150.000 bis 300.000 Euro pro Jahr.
Handwerker können ihre Sonderparkausweise für Baustellen heute über ein civento-Onlineportal beantragen, unabhängig von Bürozeiten. Das funktioniert auch beim Standesamt, bei der Stammdatenpflege für Vereine, bei Widersprüchen gegen „Knöllchen“ und so weiter. Vor sechs Jahren haben wir noch Urlaubskarten mit Bleistift und Radiergummi bearbeitet.
einfo21 digital: Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Herausforderungen für Kommunen?
Thomas Fehling: Das sind wohl Smart City-Themen und hier würde ich sehen
1.    Zum einen intern das „Fitmachen“ einer Stadtverwaltung, insbesondere die Verschlankung und Digitalisierung von Prozessen mit einer offenen Datenschnittstelle. Dazu gehören auch der Aufbau von technischen Ressourcen und die Entwicklung von IT-Personal, das für Dritte kompetenter Partner auf Augenhöhe ist.
2.    Nach außen ist die Vernetzung mit Partnern das Gebot in einem sehr dynamischen Markt. Gemeinden können voneinander lernen. Das kann man regional durch interkommunale Zusammenarbeit tun oder bundesweit durch Beteiligung am deutschen Smart City-Forum.
3.    Zentraler Punkt einer Smart City-Strategie ist eine umfassende Datenplattform, in der Daten und Ergebnisse ganz unterschiedlichster Formate verarbeitet werden können. Hier rechne ich in den nächsten eineinhalb Jahren mit der Durchsetzung eines technischen Standards. Dabei wird möglicherweise nicht die beste Lösung gewonnen, sondern die mit der schnellsten Marktdurchdringung. Es gilt also, aufs richtige Pferd zu setzen.
4.    Und wenn noch ein vierter Punkt erlaubt ist: Schließlich ist ein guter Kontakt in eine „erwachende“ Politik notwendig. Die Förderkulissen im Bereich Digitalisierung und Smart City ändern sich rasant.
einfo21 digital: Was bedeutet der Hessentag für die Stadt?
Thomas Fehling: Der Hessentag ist für uns eine großartige Chance, die Stadt weiterzuentwickeln. Sie gibt uns zusätzliche Schubkraft, um wichtige Projekte der Stadtentwicklung voranzubringen. Zum zweiten sollen viele unserer Smart City-Projekte im Sommer 2019 auf dem Hessentag präsentiert werden – ein idealer „Showcase“ für das Bad Hersfeld des 21. Jahrhunderts!
einfo21 digital: Und, was begeistert Sie privat?
Thomas Fehling: Dass meine Frau so viel Freude an der Malerei gefunden hat und dass sich unser Hund so prächtig entwickelt.
 
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