Bodo Kroll: Ein Standesbeamter im Gespräch

 

Bodo Kroll ist Standesbeamter im Rathaus Otterndorf, Fachberater für das Personenstandswesen in Niedersachen sowie Dozent an der Bundesakademie für Personenstandswesen im hessischen Bad Salzschlirf. Er ist ein spannender Gesprächspartner, der über fundiertes Wissen rund um das Standesamtswesen und seine Geschichte verfügt. Was sind die Aufgaben eines Standesbeamten? Warum und seit wann gibt es Standesbeamte in Deutschland? Was macht den Beruf des Standesbeamten so besonders? e-info21 digital hat mit Bodo Kroll gesprochen.
e-info21 digital: Herr Kroll – Standesbeamter, da denkt jeder sofort an Hochzeit. Was gehört sonst noch zu Ihren Aufgaben?
Bodo Kroll: Hochzeiten sind natürlich nur ein kleiner Teil – für viele Kollegen, und da schließe ich mich an, aber auch der schönste. Der Beruf des Standesbeamten umfasst darüber hinaus alle personenstandsrechtlichen Tätigkeiten. Angefangen von Geburten- und Sterbefallbeurkundungen über Vaterschaftsanerkennungen, Adoptionen und Namensänderungen bis hin zum internationalen Privatrecht.
e-info21 digital: Wie wird man Standesbeamter? Kann das jeder?
Bodo Kroll: Derzeit sind bundesweit rund 30.000 Standesbeamte in Dienst. Interessenten müssen zunächst eine entsprechende Ausbildung in der Verwaltung absolvieren: Zum Beispiel die Beamtenlaufbahn im gehobenen Dienst. Auch eine vergleichbare Ausbildung als Angestellte/r kann ein Einstieg in den Beruf des Standesbeamten sein. Denn in vielen Orten sind mittlerweile auch Verwaltungsfachangestellte im Einsatz, die nicht verbeamtet sind. Der künftige Standesbeamte sollte bereits über einige Lebenserfahrung verfügen und Freude an Verantwortung haben. Wer dann noch ein wenig rhetorisches Talent und Durchsetzungskraft mitbringt, für den hält die Laufbahn eine Menge interessanter Aufgaben bereit.
e-info21 digital: Durchsetzungskraft – wie meinen Sie das?
Nun, lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Ein Fotograf wollte das Jawort auf einer Trauung wiederholen. Er hatte auf einen falschen Knopf an seiner Kamera gedrückt und den entscheidenden Augenblick verpasst. Da muss man als Standesbeamter klare Kante zeigen. Nein, da haben Sie leider Pech gehabt, sagte ich. Einmal ja, immer ja – zumindest bis zu einer ordentlichen Scheidung.
e-info21 digital: Wie erhalten Verwaltungsfachleute das fachliche Wissen?
Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung folgt der Lehrgang zum Standesbeamten. Dieser wird an drei Standorten angeboten: In Schleswig-Holstein, Bayern und Hessen. Der Grundlehrgang im hessischen Bad Salzschlirf dauert zwei Wochen. Auf dem Stundenplan stehen Fächer wie Abstammungs- und Namensrecht, Sterbefallbeurkundung, internationales Privatrecht oder Staatsangehörigkeitsrecht. Doch wirklich fit wird man in diesen komplizierten Rechtsgebieten erst nach zirka fünf Jahren und etlichen Weiterbildungen.
Absolventen, die den Grundlehrgang erfolgreich beenden, können bereits im Standesamt arbeiten. Wie Notare müssen sich die Fachkräfte im Anschluss ständig weiterbilden, um gesetzliche Entwicklungen und Rechtsprechung im Blick zu behalten.
e-info21 digital: Sie sind seit 1992 Standesbeamter. Wie hat sich die Arbeit von damals bis heute verändert?
Bodo Kroll: Das Personenstandswesen ändert sich unaufhörlich, so wie sich auch die Gesellschaft laufend verändert. So wurde zum Beispiel das bisherige Kindschaftsrecht 1998 auf den Kopf gestellt. Plötzlich gab es keine Unterscheidung mehr zwischen ehelichen und nichtehelichen Kindern. Damit trägt der Gesetzgeber dem Umstand Rechnung, dass immer mehr Eltern nicht mehr verheiratet sind. Auch können Kinder ausländischer Eltern unter bestimmten Voraussetzungen automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben. Seit 2001 ermöglicht das Lebenspartnerschaftsgesetz Homosexuellen eine eheähnliche Gemeinschaft. Bei den ersten gleichgeschlechtlichen Trauungen musste ich ganz schön auf meine Formulierungen achten. Denn „Verlobte“ heißen hier „Lebenspartner“, die Trauzeugen sind im Amtsdeutsch als „Zeugen der Begründung der Lebenspartnerschaft“ zu bezeichnen.
Rechtliche Veränderungen sind das Eine. Zugleich zieht natürlich auch die Digitalisierung in das Standesamt ein. Die größte Veränderung in den letzten Jahren war 2009 die Umstellung von papiergeführten auf elektronische Personenstandsregister. Seitdem müssen elektronische Datenbanken bis zu 110 Jahre beweissicher die Personenstandsdaten der Bevölkerung speichern und verfügbar halten. Ein spannender Vorgang. 
e-info21 digital: Woher kommen Standesbeamte überhaupt – früher wurde doch einfach in der Kirche geheiratet, oder nicht?
Bodo Kroll: Früher waren es die Kirchen, die für die Registrierung von Geburten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zuständig waren. In ihren Kirchenbüchern fanden sich seinerzeit die Änderungen des Familienstands. Erst 1874 führte Reichskanzler Otto von Bismarck ein landesweites modernes Personenstandsgesetz ein. Ab diesem Zeitpunkt war das Führen der Register Sache des Staates. Zuvor gab es in den deutschen Einzelstaaten, die ab 1871 im Deutschen Reich aufgingen, kein einheitliches Personenstandswesen. War jemand in einem evangelischen Staat katholisch, wurde er wohlmöglich von der evangelischen Kirche nicht erfasst. Er konnte somit auch nicht zum Militärdienst eingezogen oder zur Steuerzahlung veranlagt werden.
In heutiger Zeit gibt es im internationalen Vergleich einen großen Unterschied bei den Standesämtern. In Deutschland erfolgt die Erfassung der Standesdaten dezentral. In anderen Ländern erfasst der Staat alle Standesänderungen zentral in einem Geburtenregister.
e-info21 digital: Für viele ist der Beruf des Standesbeamten nur eine Zwischenstation, nach ein paar Jahren geht es weiter. Sie machen diesen Job nun rund 25 Jahre. Warum? Was motiviert Sie noch heute?
Bodo Kroll: Ich kann diese Information nicht bestätigen. Ich kenne viele Kollegen, die über Jahrzehnte im Standesamt arbeiten. In diesem Aufgabenbereich ist es trotz des öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnisses möglich, nahezu selbständig zu arbeiten. So lassen sich unter anderem die Trauungen persönlich und individuell gestalten. Bei uns bietet das 600 Jahre alte Otterndorfer Rathaus mit seinem historischen Mobiliar hierfür einen wunderbaren Rahmen. Auch nach fast 25 Jahren ist es für mich immer wieder ein Erlebnis, am „schönsten Tag zweier Menschen“ teilzuhaben. 
e-info21 digital: Was sind die kuriosesten Geschichten, die Sie in Ihrer langen Karriere als Standesbeamter erlebt haben? Wo gab es eine knifflige Situation?
Bodo Kroll: Da erlebe ich nahezu jede Woche etwas Neues, aber vielleicht dazu eine niedliche Geschichte. Das junge Paar hatte bereits Nachwuchs, der in seiner Tragetasche neben dem Trautisch stand. Mitten in der Zeremonie begann der Kleine plötzlich bitterlich zu weinen und wir rochen auch gleich warum. Die Mutter wurde nun natürlich sehr unruhig und fragte, wo sie ihren Sohn die Windeln wechseln könne. Darauf bot ich ihr an, es doch gleich hier zu machen. So räumte ich Blumen und Kerzen ab, sie packte eine süße Wickeldecke auf unseren jahrhundertealten Trautisch und Minuten später hatten wir alle ein glückliches Kind, das die Hochzeit seiner Eltern mit einem ansteckenden Schmunzeln begleitete. So schön kann heiraten in Otterndorf sein.
e-info21 digital: Wenn man sich Ihre Website anschaut, sieht man, dass Sie nicht „nur“ Standesbeamter, Fachberater und Dozent sind. Sie tanzen auch, musizieren und schreiben. Eine Frage hätten wir also noch: Wann schlafen Sie eigentlich? Was ist Ihr Geheimnis?
Bodo Kroll: Schlafen wird ganz klar überbewertet. Doch Spaß beiseite. Ich nutze meine Zeit nur wirklich effektiv. Wenn ich zum Beispiel im Zug zur Hochschule nach Bad Salzschlirf sitze, schreibe ich an meinem neuen Buch. In den sechs Stunden, die eine einfache Fahrt dauert, schaffe ich etwa zehn Seiten für einen neuen Roman. Weil ich des Öfteren nach „BaSa“ fahre, bin ich beim Schreiben natürlich auch immer sehr produktiv. Generell helfen mir meine breit gestreuten Interessen, geistig stets beweglich zu bleiben.