​Bürgermeister im Dialog: Björn Brede, Bürgermeister Frankenau

 

„Wo man natürlich lebt und Kinder naturverbunden aufwachsen“ – Daseinsvorsorge im ländlichen Raum

„Es hat immer schon dynamische Orte gegeben, andere wurden verlassen“, zitiert der Frankenauer Björn Brede nüchtern eine Soziologin. Seiner Verantwortung ist sich der Bürgermeister sehr bewusst. Im nordhessischen Frankenau sorgt er daher für die notwendige Dynamik. Zwar gibt es Herausforderungen genug, aber in Frankenau meistert man diese gemeinschaftlich. einfo21 digital hat Björn Brede interviewt. Lesen Sie hier, warum sich das Leben auf dem Land lohnt.

einfo21 digital: Was zeichnet Frankenau aus?
Björn Brede: Frankenau beeindruckt durch seine Landschaft, den Nationalpark, das Mühlental mit den fantastisch erhaltenen Mühlen und vielen weiteren Besonderheiten. Wer naturbewusst urlauben will, der ist hier bestens aufgehoben. Aber auch zum Leben bietet Frankenau alles, was man benötigt. Die Infrastruktur ist sehr breit aufgestellt. Aktuell prüfen neue Investoren sogar die Eröffnung eines Hallenbades mit Saunalandschaft im Feriendorf. Das wäre ein weiteres Highlight für Leben und Urlaub in unserer Region. Dabei sind wir schon die erste Arche-Region Hessens: Hier können Kinder beim Schaubrüten auf dem Arche-Hof zuschauen oder während einer Wanderung durch den Weidengrund viele vom Aussterben bedrohte Haustierrassen bestaunen.

Herausragend ist in Frankenau besonders das menschliche Miteinander. Ein Besuch oder Urlaub wird einen Jeden begeistern. Auch mich hat begeistert, wie offen, interessiert und gastfreundlich die Menschen hier sind. Das merkt man besonders beim Thema Inklusion, das hier gelebte Tradition ist. Seit vielen Jahren befindet sich in Frankenau eine Institution, die sich um die Eingliederung von Menschen mit Behinderung kümmert. Hier vor Ort wird Inklusion wahrlich gelebt.

einfo21 digital: Sagen Sie bitte, was hat es mit dem Ausdruck Ziegenbock-Stadt auf sich?
Björn Brede: Ja, der Ziegenbock. Im 19. Jahrhundert brach in Frankenau ein großes Feuer aus. Viele Häuser wurden komplett zerstört, viele Familien verloren ihr gesamtes Hab und Gut – das Wenige, was sie besaßen.

Irgendwann wuchs zwar dann wieder die Anzahl der Kühe, doch galt in der Frankenauer Historie die Ziege immer als „die Kuh des kleinen Mannes“. Und Ziegen gab es ausreichend. Vor wenigen Jahrzehnten wurde daher die traditionelle Kirmes Ziegenbock-Kirmes getauft. Jahr für Jahr wird seitdem von den Kirmeseltern im Festumzug eine Ziege durch die Stadt geführt. Das ist der historische Hintergrund, warum Frankenau auch Ziegenbockstadt genannt wird.

einfo21 digital: Warum sollte man Frankenau besuchen? Wie ist das Lebensgefühl?
Björn Brede: Die Frankenauer Stadtteile haben sehr lebendige Dorfgemeinschaften. Auch Neubürger binden Ortsvorsteher und Nachbarn schnell in das Ortsleben ein. Gemeinsam schaffen die Dorfgemeinschaften viel Neues.

Dabei ist allen die geringe finanzielle Ausstattung der Kommunen durch Bund und Land bewusst. Aber die Frankenauer legen selbst Hand an: Die Bürgerinnen und Bürger engagieren sich ehrenamtlich und leisten großartige Beiträge, um ihren Ort aufzuwerten und zu gestalten.

Beispiel gefällig? Einer unserer kleinsten Stadtteile – weniger als 200 Einwohner – baute zuletzt spendenfinanziert das Feuerwehrhaus um und errichtete dann noch eine Feldscheune für Museumslandmaschinen. Keine kommunalen Gelder, nur Spenden wurden zur Finanzierung genutzt. Die Menschen identifizieren sich durch ihren Einsatz stark mit ihrem „eigenen“ Ort.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, die sehr eindrucksvoll das Lebensgefühl auf dem Lande beschreiben. Jeder hilft jedem, jeder kann einen Beitrag zum großen Ganzen leisten. Die Menschen mit ihren Traditionen und ihren Ortsgemeinschaften drücken den besonderen Charakter eines jeden Stadtteils aus. Das macht das Leben hier auf dem Lande so spannend und attraktiv.

einfo21 digital: Was bewegt Frankenau gerade besonders?
Björn Brede: Das Thema Digitalisierung brennt uns unter den Nägeln. Im nächsten Jahr soll es endlich losgehen und die noch unterversorgten Frankenauer Stadtteile sollen mit Highspeed-Internet ausgestattet werden. Diese Grundversorgung muss her, denn sie ist ein bedeutendes Entscheidungskriterium für das Leben auf dem Lande.

Tag für Tag müssen wir die gesamte Infrastruktur des Städtchens im Auge halten. Denn die Dynamik der heutigen Zeit beschert uns immer wieder neue Rahmenbedingungen und Herausforderungen, denen sich die einzelnen Firmen und Dienstleister sowie die Kommunen stellen müssen. Dabei sind wir als Gemeinde gefragt, den politischen Rahmen so zu beeinflussen, dass den Menschen hier vor Ort alle Möglichkeiten für ein gutes Leben zur Verfügung stehen.
Ganz aktuelle Themen sind die Ansiedlung eines neuen Lebensmittel-Vollsortimenters, die Errichtung eines lokalen Gesundheitshauses und die Wiedereröffnung eines Hallenbades in unserem Feriendorf. Uns beeindruckt die Aufmerksamkeit. Sie ist in diesem Ausmaß für eine Stadt mit knapp 3.000 Einwohnern nicht selbstverständlich.

In den nächsten Jahren wird uns das Thema Rathausumgestaltung beschäftigen –energetisch, modern, einladend und organisatorisch verbessern. Neben der baulichen Veränderung steht in diesem Zusammenhang dabei auch beim Personal ein Generationenwechsel an.

einfo21 digital: Sie haben viel vor, oder?
Björn Brede: Jede Kommune hat eine zentrale Aufgabe: Lösungsansätze für gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen liefern. Damit die eigene Gemeinde oder Stadt nicht von der allgemeinen Entwicklung abgehängt wird, müssen alle Kommunalpolitiker gemeinsam an entsprechenden Lösungen arbeiten. Ansonsten blockieren sie die Entwicklungschancen einer Gemeinde. Dann wird man abgehängt und die Kommune verliert ihre Lebensqualität. Professorin Claudia Neu, eine Soziologin für den ländlichen Raum, sagte einmal Folgendes: „Es hat immer schon dynamische Orte gegeben, andere wurden verlassen“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

einfo21 digital: Wie gehen Sie mit den demographischen Herausforderungen um?
Björn Brede: Das ist ein wichtiger Punkt für viele Landkommunen, denn Dienstleistungen müssen kurz- bis mittelfristig nicht nur für die zunehmende Anzahl älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger barrierefrei zugänglich sein. Neben der Gebäudegestaltung gehören zu den Herausforderungen auch persönlicher Bürgerservice und soziokulturelle Angebote – ebenso Wohnmöglichkeiten für jede Altersklasse, Nahversorgung und Gesundheitsdienstleistungen vor Ort. Das haben wir im Blick und wollen das vorhandene Angebot ausbauen. Deshalb beobachtet der Magistrat Jahr für Jahr die bestehende Infrastruktur sehr genau und führt erforderliche Investorengespräche.

einfo21 digital: Sie haben vorhin von Inklusion gesprochen und wollen Frankenau zur Inklusionsstadt machen. Was bedeutet das?
Björn Brede: Menschlichkeit und respektvolles Miteinander vor Ort stehen für die gelebte Inklusion, nun wollen wir die baulichen Herausforderungen lösen. Daher ist die Umgestaltung der vorhandenen Gebäudeinfrastruktur mit barrierefreien Zugängen eines der größten Ziele. Bei dieser Aufgabe setzen wir auch auf eine Zusammenarbeit mit Partnern der Wohlfahrtspflege/-verbände.

einfo21 digital: Spielen Flüchtlinge in und für Frankenau eine Rolle?
Björn Brede: Der Zuzug von Flüchtlingen hat in den örtlichen Gemeinschaften ganz besondere und zum Teil schlummernde Kompetenzen zum Vorschein gebracht. Viele Menschen haben sich ehrenamtlich engagiert: Sie haben die Menschen persönlich betreut und betreuen sie noch heute. Einige Flüchtlinge haben schon einen Job oder eine Ausbildungsstelle gefunden. Uns freut es umso mehr, wenn es sich dabei um Frankenauer Firmen handelt. Auch mit dieser gesellschaftlichen Entwicklung haben wir, wie viele weitere Städte und Kommunen, auf die Hilfe der Bürgerschaft vertrauen und bauen können. Darauf sind wir sehr stolz, beeindruckt und dankbar.

einfo21 digital: Ist das Landleben wieder attraktiv geworden? Man spricht auch von neuer Ländlichkeit.
Björn Brede: Selbstverständlich. Wo sonst kann man natürlich leben und wo können Kinder naturverbunden aufwachsen? Wir befinden uns doch in der Zeit, in der viele Kinder im Glauben sind, die Milch komme aus der Tüte. Wir beobachten, dass sich junge Familien sehr bewusst für das Land entscheiden. Dies setzt jedoch auch berufliche Voraussetzungen voraus. Neben der Gewerbeansiedlung haben die Kommunen in den letzten Jahren zusammen mit dem Kreis auch das Thema Mobilität stärker in den Blick genommen. Eine alte Bahnstrecke wurde reaktiviert, so dass Frankfurt und andere Städte nun in wesentlich kürzeren Zeitspannen zu erreichen sind. Wenn die Fahrstrecken für Berufspendler annehmbar sind, entscheiden sie sich mit ihrer Familie sicherlich eher für Frankenau als Lebensmittelpunkt.

Insofern: Dem Wettbewerb mit der Groß-Stadt kann sich der ländliche Raum sehr wohl stellen und dabei bestehen. Die Ortsgemeinschaften beeindrucken mit Gemeinschaftssinn, Charakter und besonderer Lebensqualität.

einfo21 digital: Welche Instrumente stehen Bürgermeistern bei der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum zur Verfügung?
Björn Brede: Leider gibt es noch zu wenig attraktive Förderprogramme. Hier sollten Bürokratie-Hürden durch die Landes- und Bundespolitik abgebaut und auf die jeweiligen Strukturbedingungen der einzelnen Regionen eingegangen werden. Der örtlichen Politik und dem Bürgermeister sind neben der persönlichen Kontaktpflege kaum finanzielle Mittel gegeben.

Zum Glück aber unterstützen uns Institutionen wie die Wirtschaftsförderung des Landkreises, die Handwerkskammer und Industrieverbände. Zur Aufstellung von interkommunalen Industriegebieten oder gemeinsamen interkommunalen Lösungsansätzen – beispielsweise im Bereich der Daseinsvorsorge – gehört übrigens auch ein gutes und kooperatives Verhältnis zu den Nachbarkommunen. Das haben wir, denn auch hier gilt: „Gemeinsam schaffen wir das!“.

einfo21 digital: Welche Bedeutung hat Informationstechnologie für Frankenau?
Björn Brede: Menschen jeden Alters wollen schnell und unkompliziert an Informationen gelangen. Daher ist moderne Informationstechnologie immens wichtig – beispielsweise ist eine informative Homepage die Visitenkarte der Stadt. Auch für die Gestaltungs- und Entwicklungsarbeit einer Kommune sowie das tägliche Verwaltungsgeschäft sind Computer und IT nicht mehr wegzudenken. Was früher einmal Akten waren, sind heute große Serveranlagen.

einfo21 digital: Wie soll Frankenau in zehn Jahren sein? Was wünschen Sie sich?
Björn Brede: Wir wollen in zehn Jahren eine liebgewonnene Wohnortgemeinde für viele Neubürger sein – und natürlich weiterhin ein liebens- und lebenswerter Wohnort für die Einheimischen. Wir verfolgen strategisch den Erhalt der Infrastruktur und fördern gezielt den gegenseitigen Austausch der einzelnen Einrichtungen. Damit soll die jetzige Infrastruktur auch in zehn Jahren noch bestehen und sich um den ein oder anderen Baustein erweitert haben.

Urlaub in Deutschland wird immer attraktiver. Auch wir in Frankenau haben einiges zu bieten. Ich glaube an eine Weiterentwicklung unserer Tourismusregion: Nationalpark, Naturpark, Arche-Region, kleinbäuerliche Landwirtschaft zum Erleben, der große Edersee, viele zertifizierte Wanderwege mit besonderen Jausenstationen haben in den letzten drei Jahren mehr und mehr Touristen angezogen und die Übernachtungszahlen steigen lassen.

Frankenau ist stolz darauf, dass es sich hier in natürlicher Idylle und menschlicher Atmosphäre gut leben und gut urlauben lässt.  Und das wird sicherlich auch noch in zehn Jahren so sein.

einfo21 digital: Und was begeistert Sie privat?
Björn Brede: Menschen – ihre Gastfreundlichkeit, ihre Offenheit, ihre Liebe zur Heimat und ihre Motivation für die Heimat ehrenamtlich zu arbeiten, zu gestalten und zu integrieren – das begeistert mich.

 

Weiterführende Informationen

Interview mit Björn Brede zum Haushalt
https://www.youtube.com/watch?v=dfTGp_CpcOY

Internet-Präsenz der Stadt Frankenau
https://www.frankenau.de

Arche-Region Kellerwald – Mehr als ein wunderbares Ausflugsziel
http://www.arche-region-kellerwald.de

Daseinsvorsorge: Frankenau, die kleine Stadt am großen Wald
https://www.ekom21.de/Service/einfo21_digital/Seiten/daseinsvorsorge_frankenau.aspx

Effizienz und Sicherheit in Frankenau (e-info21, Ausgabe 3/2017, Seite 22-25)
https://www.ekom21.de/Service/Kundenzeitungen/pdf/einfo21_03_2017.pdf