Daseinsvorsorge: Frankenau, die kleine Stadt am großen Wald

 

Kommunen auf dem Land stehen unter Druck: Demografischer Wandel, Verstädterung, hohe Infrastrukturkosten. Statt Wachstum müssen die Kommunen oftmals Schrumpfung organisieren. Im nordhessischen Frankenau gelingt die Daseinsvorsorge. Worauf kommt es an? Wir waren vor Ort.

Von Kassel nach Frankenau

„In 2010 habe ich während eines herrlichen Kurzurlaubs in der Region, den Kellerwald und Edersee kennen gelernt. Die Gegend und besonders Frankenau mit seiner besonderen Landschaft haben mich begeistert: Tolle Natur, hoher Freizeitwert und alles Wesentliche, was man zum Leben braucht“, erinnert sich Björn Brede an seine damaligen Eindrücke. Brede wurde kurze Zeit später auf die freie Bürgermeisterstelle aufmerksam und hat anschließend konsequent gehandelt. In Frankenau hat er nicht nur gebaut und eine Familie gegründet, er lenkt heute sogar die Geschicke der Stadt Frankenau. Denn die knapp 3.000 Einwohner der nordhessischen Kommune haben Björn Brede nun schon ein zweites Mal zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt.

Sorge für das „Wesentliche, das man zum Leben braucht“
Daseinsvorsorge im ländlichen Raum ist Bredes Thema. Angesichts veränderter Rahmenbedingungen im ländlichen Raum muss man die Infrastruktur immer wieder beobachten, überprüfen und langfristig sichern. Was verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff „Daseinsvorsorge“? Im Kern bezeichnet die Daseinsvorsorge die grundlegende Versorgung der Bevölkerung mit Basis-Gütern und Dienstleistungen durch die öffentliche Hand oder durch öffentlich geförderte Organisationen. Es geht um Strom, Wasser, Internet, um Straßen und Nahverkehr, aber auch um soziales Leben, Einkaufsmöglichkeiten und medizinische Versorgung. Kurzum: „Alles Wesentliche, das man zum Leben braucht“. „Es geht darum, die hohe Lebensqualität in Frankenau zu erhalten – für Bewohner, Neubürger, Touristen und Gäste“, so Brede.

Luxkaninchen, Lippegans und Lakenveller
Ein wichtiger Anziehungspunkt ist dabei die Natur und der nahegelegene Nationalpark Kellerwald-Edersee. Frankenau liegt am Tor zum Nationalpark, was die kleine Kommune auch touristisch attraktiv macht. Die Stadt fördert die touristische Infrastruktur und beteiligt sich sehr aktiv am Naturschutzprojekt sowie der Gestaltung zur Arche Region Frankenau, der ersten Arche-Region Hessens. Der hierfür gegründete Verein setzt sich für die Erhaltung gefährdeter Nutztierrassen – Luxkaninchen, Lippegans, Lakenveller Hühner und viele Arten mehr – ein. Zusammen mit den Bürgern und örtlichen Nebenerwerbslandwirten ermöglicht der Verein die naturschutzgemäße Bewirtschaftung der Landschaft, Naturtourismus und Umweltbildung. Entsprechend hoch ist im Gemeindegebiet die Biodiversität, was man nicht nur auf der Direktvermarkter-Messe zum Arche-Tag bestaunen kann.  


Die Quernstkirche im Nationalpark (© Stadt Frankenau)

Mit einem Feriendorf, einem Hotel, Pensionen und Ferienwohnungen verfügt Frankenau zudem über eine Vielzahl von Betten in idyllischer Lage und empfiehlt sich als familienfreundlicher Naherholungsort mit guter touristischer Infrastruktur.

Auf dem Land bleibt man gesund
Aber Frankenau will vor allem attraktiv für seine Bürger sein – 1.500 in Frankenau selbst, 5.000 im Einzugsbereich. Dazu gehört für Bürgermeister Brede eine familienfreundliche Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen und kostenfreiem Transport der Kinder und – ganz wichtig – eine außergewöhnlich gute Gesundheitsinfrastruktur. „In Frankenau finden Sie in der Kernstadt alles. Wir haben Haus- und Zahnärzte, Physio-Praxis, Pflegeinrichtungen, Pflegedienst, ein Sportstudio mit Reha und betreutes Wohnen. 2018 eröffnet dann im Kernort auch wieder eine Apotheke. Umgekehrt zieht die hohe Versorgungsqualität viele Menschen nach Frankenau“, so der Bürgermeister. Ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), deren Realisierung ganz aktuell geprüft wird, soll Dienstleister binden und Neuansiedlung vereinfachen. Bei diesem ehrgeizigen Ziel sind auch Barrierefreiheit und Inklusion Themen von enormer Bedeutung.

Lebensqualität dank Nahversorgung
Wo an anderen Orten mit Mühe Dorfläden als Bezugspunkt für die Nahversorgung geplant werden, bietet Frankenau reichlich lokales Handwerk und Gewerbe. Drei Bäckereien backen für die Frankenauer, es gibt einen Metzger, zwei Banken, Friseure, eine Postfiliale, eine Tankstelle, einen Kfz-Betrieb und sogar ein PC-Fachgeschäft unterstützt mit Rat und Gerät. Alle Besorgungen des alltäglichen Bedarfes lassen sich – so Brede – zu Fuß im Kernort erledigen. Man kenne sich persönlich – der beste Garant für Lebensqualität.


Die Kellerwaldhalle (© Stadt Frankenau)

Synergien schaffen
Die kleine Stadt am großen Wald will die Menschen binden und mit einer lebenswerten Infrastruktur für sich gewinnen. Mit den aktuellen Vorhaben ist es sogar Bürgermeister und Magistratskollegen gelungen, einen Lebensmittel-Riesen zur Planung eines möglichen neuen Marktes als Ersatzbau der bestehenden Filiale zu bewegen. Zwar wird der Vollsortimenter auch als Wettbewerb wahrgenommen, insgesamt aber ist allen klar: Je vielseitiger das Angebot, desto attraktiver die Stadt, desto besser für alle. „Wir suchen gezielt Synergie-Effekte aus Tourismus, Gesundheitsinfrastruktur und Nahversorgung, denn wer zum Arzt oder zur Physiotherapie geht, kauft auch ein und umgekehrt. Damit wollen wir Frankenau eine Zentrumsfunktion verschaffen und erhöhen die Wirtschaftlichkeit der ansässigen Dienstleister“, so Brede.

Landleben macht innovativ
Landleben macht erfinderisch. Denn Frankenau steht wie viele kleine Landkommunen vor der Herkules-Aufgabe, mit immer weniger Mitteln – man plant mit 160.000 Euro Gewerbesteuer für 2018 – die Daseinsvorsorge seiner Bürger zu organisieren. Da muss man sich etwas einfallen lassen und konsequenterweise rücken die Kommunen in Nordhessen zusammen. Gemeinsam hat man sich zu Breitband Nordhessen zusammengeschlossen, um die Internet-Autobahn in die Haushalte zu legen. Auch Feuerwehren und Bauhöfe kooperieren, so dass trotz geringerer Mittel die Versorgungs- und Lebensqualität nicht sinken.

Verwaltung rückt zusammen
Das gilt in besonderem Maße für die Verwaltung. Brede, als Bürgermeister Chef der Verwaltung, weiß: „Mit interkommunalen Zusammenschlüssen spart man Kosten und hebt die Versorgungsqualität. Der Serviceverbund Frankenberger Land, in dem sechs Kommunen Standesamt, Personalsachbearbeitung, Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie dazugehöriges Sicherheitswesen gebündelt haben, spart jährlich nicht unerhebliche Aufwendungen“. Geld, das für andere Zwecke wie die Erweiterung der Kindertagesstätte oder auch den Schuldenabbau genutzt werden kann. Voraussetzung ist hier freilich zuverlässige Informationstechnologie, denn auf dem Papierweg lassen sich Verwaltungsprozesse nicht auf Distanz organisieren.

Verwaltungsmodernisierung
Brede ist froh, dass er die komplette Informationstechnologie für die Verwaltung an die ekom21 als IT-Dienstleister auslagern konnte und sich nicht selbst damit beschäftigen muss. „Früher hatte man noch einen Server im Schrank, aber weder Sicherheit noch Zuverlässigkeit kann man auf diese Weise wirklich sicherstellen. Und IT ist enorm wichtig für uns“, erläutert der Bürgermeister.

Heute kommen Fachverfahren und Büroanwendungen über das Internet. Während die Programme physisch im Rechenzentrum der ekom21 ablaufen, fungieren die Bildschirme in Frankenau wie ein „Fenster ins Rechenzentrum“. Für den Nutzer macht das keinen Unterschied, für Sicherheit und Zuverlässigkeit hingegen einen großen. Denn selbst wenn der Desktop-Rechner des Bürgermeisters gestohlen würde: die Daten liegen nicht auf seinem Rechner, sondern weiterhin geschützt im Rechenzentrum.

Die technische Modernisierung der Verwaltung sichert darüber hinaus die Service-Qualität, denn eine kleine Verwaltung wie Frankenau ist auf jeden Verwaltungsprofi angewiesen. Zusätzliche IT-Aufgaben oder gar ein eigener studierter IT-Experte würden die Personaldecke unnötig belasten und die Versorgungsqualität der Bürger mindern. Daseinsvorsorge im ländlichen Raum zu organisieren, das heißt auch Effizienz steigern und Innovationen nutzen.

Neue Ländlichkeit
Bürgermeister Brede ist weit davon entfernt, das Leben auf dem Land als neues Arkadien zu romantisieren. Trotzdem ist er von der hohen Lebensqualität auf dem Land überzeugt. Mit gezielten Maßnahmen zur Daseinsvorsorge im ländlichen Raum will er sie erhalten und neue Ländlichkeit ermöglichen.

Übrigens, ihren Neubürgern stellt die Stadt ein Handbuch mit praktischen Informationen und einem Frankenau-Gedicht zur Verfügung. Hier heißt es unter anderem: „Die kleine Stadt am großen Wald, wo die Natur zwischen Buchen und Fichten erschallt. (…) In Frankenau ist man gut aufgehoben, drum auf, wer noch nicht hierhergezogen“. Ein besonderes Lebensgefühl hat die Stadt und Björn Brede ist nicht der einzige, der gerne Zeit in Frankenau verbringt.

 

Weiterführende Informationen

Bürgermeister im Dialog: Björn Brede, Bürgermeister Frankenau:
https://www.ekom21.de/Service/einfo21_digital/Seiten/interview_bgm_brede.aspx

Stadt Frankenau am Nationalpark Kellerwald-Edersee:
https://www.frankenau.de

Viel erleben kann man in der Region um den Edersee:
http://erlebnisregion-edersee.de

Wer noch einen tollen Ort für die Traumhochzeit sucht, dem sei die Gegend um Frankenau ans Herz gelegt:
https://www.ekom21.de/Service/einfo21_digital/Seiten/15_4_2_Heiraten-in-Hessen.aspx

Definition und Hintergründe zum Begriff Daseinsvorsorge:
http://kommunalwiki.boell.de/index.php/Daseinsvorsorge

Neue Ländlichkeit – eine kritische Betrachtung:
http://www.bpb.de/apuz/236826/neue-laendlichkeit-eine-kritische-betrachtung?p=all