​Staat 4.0: Wo kommt er her, wo gehen wir hin?

 

„Wenn Begriff und Gestaltung von Staat 4.0 Analogien zur Industrie 4.0 sind, bedeutet das: Der Staat wird zur intelligenten Fabrik, in der alles vernetzt kommuniziert, arbeitet und produziert. Wertschöpfungsketten werden durchgängig digitalisiert“, erklärt der IT-Experte für kommunale Dienstleistungen Johann Bizer in der Fachzeitschrift Kommune21.

Der Staat 4.0 soll bürgerfreundlich sein. Das heißt, der Einsatz digitaler Möglichkeiten muss einfach und sicher sein. Wir wollen die digitale Tür zur Verwaltung öffnen und damit Amtswege verkürzen und lästige Wartezeiten vermeidbar machen“, so Heike Raab.
© Rainer Sturm  / pixelio.de
Mit seiner Aussage beteiligt sich Johann Bizer an der Diskussion rund um das Thema „Industrie 4.0“. In den letzten Jahren beschäftigt dieses Thema nicht länger nur Fachkreise, auch die Öffentlichkeit hat die Wichtigkeit von „Industrie 4.0“ erkannt.  Kurz zusammengefasst geht die Diskussion darum, dass wir nach dem Einsatz von Maschinen (erste Stufe), der Arbeitsteilung am Fließband (zweite Stufe) und Automatisierung (dritte Stufe) nun an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution stehen. Treiber dieser Revolution sind das Internet und mit Software ausgestattete Objekte, welche die reale und die virtuelle Welt zu einem Internet der Dinge verschmelzen. Doch was bedeutet Industrie 4.0 genau? Und: Was bedeutet die vierte industrielle Revolution für den Staat der Zukunft?
Von Industrie 4.0 zur Smarten Verwaltung und Staat 4.0
Der Begriff „Industrie 4.0“ geht auf einen gleichnamigen Arbeitskreis zurück, der im Rahmen der Hightech-Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von der deutschen Bundesregierung gefördert wurde. Zur Hannover Messe 2011 trugen Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft den Begriff erstmals an die Öffentlichkeit. Zwei Jahre später lag der Abschlussbericht „Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0“ vor. Im Zentrum der Industrie 4.0 steht die Smart Factory, in der sich mit Software ausgestattete Maschinen (cyberphysische Systeme) zu einem autonomen, intelligenten System verbinden.
In Anlehnung an die Smart Factory definiert Andrea Di Maio,  Managing Vice President beim Analystenhaus Gartner, Smart Government als „die  Integration  von Informations-,  Kommunikations-  und  darunterliegenden  operationalen  Technologien,  um  bei Planung,  Bewirtschaftung  und  Betrieb  in  verschiedensten  Fachbereichen,  Prozessketten  und Zuständigkeiten nachhaltigen öffentlichen Mehrwert zu generieren“.
Soweit die Theorie. Doch wie sieht es mit Smart Government und Staat 4.0 in der Praxis aus?

Wenn Begriff und Gestaltung von Staat 4.0 Analogien zur Industrie 4.0 sind, bedeute das: Der Staat wird zur intelligenten Fabrik, in der alles vernetzt kommuniziert, arbeitet und produziert. Wertschöpfungsketten werden durchgängig digitalisiert“, erklärt Johann Bizer
Der weite Weg zum Staat 4.0
„Der Staat 4.0 soll bürgerfreundlich sein. Das heißt, der Einsatz digitaler Möglichkeiten muss einfach und sicher sein. Wir wollen die digitale Tür zur Verwaltung öffnen und damit Amtswege verkürzen und lästige Wartezeiten vermeidbar machen“, erklärt Heike Raab, Staatssekretärin und Bevollmächtigte beim Bund und in Europa, für Medien und Digitales. 
Wie Staat 4.0 in der Praxis funktionieren kann, lässt sich am besten an einem fiktionalen Beispiel erklären. Nehmen wir Sandra, die in Köln wohnt und in Frankfurt ein Gewerbe anmelden möchte. Anstatt in Nordrhein-Westfalen auf das zuständige Rathaus zu gehen, Papierdokumente zu beantragen, diese Papierdokumente anschließend handschriftlich auszufüllen, postalisch nach Hessen zu schicken und letztlich tagelang auf eine Bestätigung zu warten, geht sie auf die Onlinepräsenz der Stadt Köln. Dort findet sie alle notwendigen Informationen, kann sämtliche Anträge online ausfüllen, signieren und verschicken. Fehlen Informationen, weist sie eine integrierte Plausibilitätsprüfung sofort darauf hin. Den Rest erledigen die zuständigen Behörden durch eine hochautomatisierte  Kommunikation unter sich. Innerhalb weniger Minuten hat Sandra ihr Gewerbe in Frankfurt angemeldet.
Enormes Einsparungspotential durch Digitalisierung
Neben der Zeitersparnis für den Bürger bietet eine digitalisierte Verwaltung gemäß dem Beratungshaus McKinsey in Europa jährlich ein Einsparungspotential von 250 Milliarden Euro. Mit dem Einsparungspotential für Deutschland hat sich das Kompetenzzentrum Öffentliche IT am Fraunhofer-Institut für offene Systeme FOKUS in seinem Gutachten „E-Government: vom Abstieg zum Aufstieg“ befasst. Jens Fromm, Dr. Mike Weber und Christian Welzel schätzen das Einsparpotential gegenüber den derzeitigen Kosten bei der Melderegisterauskunft auf 75 Prozent. Selbst im gewichteten Mittel von insgesamt fünf untersuchten Verwaltungsleistungen (Gewerbemeldungen, Wohngeldanträge, Melderegisterauskünfte, KfZ-Meldungen und Baugenehmigungen) lassen sich ihrer Einschätzung nach Einsparungen in Höhe von etwa einem Drittel der aktuellen Kosten erwarten.
Damit dies gelingt, „muss ein breites, attraktives Angebot zur Verfügung stehen. Der digitale Zugang muss selbstverständlich die erste Wahl für alle Verwaltungsangelegenheiten sein“. Einsparungen ließen sich nach Einschätzung der Experten des Fraunhofer-Instituts beispielsweise durch folgende Maßnahmen realisieren:

1.      Standardisierte und vertraute Zugänge und Benutzerführungen.

2.      Formulare, die medienbruchfrei bearbeitet und übermittelt werden können.

3.      Weitgehend automatisierte Routinearbeiten.

Experten nehmen Kommunen in die Pflicht
Derzeit fällt die Bewertung digitaler Verwaltungsangebote hierzulande allerdings noch negativ aus. Laut der Accenture-Studie „Digital Pulse Survey“ aus dem Jahr 2015 gaben 55 Prozent der befragten Deutschen an, dass sie lediglich zehn Prozent oder weniger ihrer Behördengänge auf dem digitalen Weg erledigen. 77 Prozent waren mit dem derzeitigen Angebot digitaler Verwaltungsservices unzufrieden.
Damit wirksames E-Government dem Staat 4.0 den Weg bereiten kann, bedarf es Jens Fromm, Dr. Mike Weber und Christian Welzel zufolge einer weitreichenden Kooperation auf allen Verwaltungsebenen – dabei sehen sie vor allem die Kommunen in der Pflicht: „Damit es soweit kommt, braucht es neben der Einsicht in die Notwendigkeit auch den entsprechenden politischen Druck. Hier kommt den Kommunen (…) eine entscheidende Bedeutung zu. Sie sind es, die mit der Unzufriedenheit der Bürger konfrontiert werden. Sie sind es auch, die Mehrkosten aufgrund ungenutzter Potentiale zu tragen haben“. Daher, so die Experten, ist es höchste Zeit, „mithilfe der Kommunen bürgerorientierte und hocheffiziente digitale Verwaltungsleistungen zu entwickeln und in der Fläche auszurollen“.

Neben der Zeitersparnis für den Bürger, bietet eine digitalisierte Verwaltung gemäß dem Beratungshaus McKinsey in Europa jährlich ein Einsparungspotential von 250 Milliarden Euro.
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Kurz und knapp
In Anlehnung an den in Fachkreisen gängigen Begriff „Industrie 4.0“ beschäftigen sich immer mehr Experten mit dem „Staat 4.0“. Damit die öffentliche Verwaltung allerdings zu einer Art intelligenten Fabrik werden kann, müssen Bund, Länder und Kommunen in einem ersten Schritt durchgängig digitalisierte Serviceangebote für Bürger bereit stellen. Ein Staat 4.0, in dem alles vernetzt kommuniziert, arbeitet und produziert, liegt derzeit noch in weiter Ferne. Sein Potential jedoch ist enorm.
Sie finden das Thema Staat 4.0 interessant? Dann sollten Sie sich unser Interview mit Jörn von Lucke, Institutsleiter des The Open Government Institute, nicht entgehen lassen. Unter anderem beschreibt er darin seine Vision von der Verwaltung der Zukunft und erörtert Möglichkeiten der Verwaltungsoptimierung durch den Einsatz von Cyberphysichen-Systemen (Link).  

 

Weiterführende Links 
Studie: "Industrie 4.0 - Folgen für die deutsche Volkswirtschaft"
4.0: Mit dem Internet der Dinge auf dem Weg zur 4. industriellen Revolution
Digitale Verwaltung: Ein Blick nach vorne
Gutachten: „E-Government: vom Abstieg zum Aufstieg“