Interview: Verwaltung 4.0: Smarte Bescheide und sich selbst steuernde Akten​

 

„Smart Government – Wie uns die intelligente Vernetzung zum Leitbild „Verwaltung 4.0“ und einem smarten Regierungs- und Verwaltungshandeln führt“ – unter diesem Titel hat Jörn von Lucke Ende 2015 ein provokantes Whitepaper vorgestellt. Von Lucke lehrt Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und leitet das The Open Government Institut. e-info21 digital wollte mehr wissen und hat ihn für ein Interview getroffen.   
e-info21 digital: Herr von Lucke, aktuellen Studien zufolge ist in Deutschland das Thema „Industrie 4.0“ vergleichsweise wenigen Bürgern bekannt. Sie beschäftigen sich bereits mit dem Thema „Verwaltung 4.0“. Wie kommt es dazu?
Jörn von Lucke: Für die deutsche Wirtschaft geht es mit Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge um das mittelfristige Überleben und die Sicherung bestehender Arbeitsplätze. Der deutschen Maschinenbauindustrie und der Automobilindustrie muss es gelingen, ihre Produkte wie etwa Werkzeugmaschinen und Automobile intelligent zu vernetzen und in smarte Ökosysteme einzubetten. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie von smarten Produkten, darauf aufsetzenden Dienstleistungen und innovativen Geschäftsmodellen anderer Anbieter vom Markt verdrängt werden. Aus meiner Sicht besteht diese Gefahr sehr konkret. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik arbeiten in Deutschland seit Jahren daran, dass mit „Industrie 4.0“ die industriellen Produktions- und Logistikketten für das Internet der Dinge und das Internet der Dienste fit gemacht werden. Erstaunlicherweise sind diese Themen für die öffentliche Verwaltung bisher kein Thema oder wurden unzureichend verstanden. Mit unserem Whitepaper wollen wir dies ändern und zu einem konstruktiven Dialog über die Zukunft von Staat und Verwaltung einladen.  
e-info21 digital: Können Sie uns kurz darlegen, was der Begriff „Industrie 4.0“ für Sie bedeutet?
Jörn von Lucke: Objekte werden zunehmend mit Sensoren, Aktoren und einer Funkverbindung ausgestattet. Sie werden smart! So wird es möglich, mit diesen smarten Dingen zu kommunizieren, Sensordaten abzurufen und Aktivitäten zu initiieren. Viele solcher smarten Dinge, etwa smarte Bojen im Meer, lassen sich in sogenannte cyberphysische Systeme einbetten, die über Rechner koordiniert und gesteuert werden können. Im Ernstfall könnte etwa ein Tsunamifrühwarnsystem einen Tsunami frühzeitig erkennen und die Besitzer von Smartphones im Zielgebiet warnen. Mit der Plattform „Industrie 4.0“ bereitet die deutsche Wirtschaft die Grundlage, um smarte Objekte und cyberphysische Systeme in Produktion, Lagerung und Vertrieb einzusetzen. Technisch geht es um die Nutzung des Internets der Dinge und der Dienste in den Geschäftsprozessen von Industrie und Wirtschaft. Die damit einhergehenden Veränderungen können für bestehende Anbieter disruptiv sein und bisher gut gehende Branchen vor existentielle Herausforderungen stellen. Beispielsweise werden selbstfahrende Autos den Job des Taxifahrers in Frage stellen. Sich selbst durchcheckende Autos bemerken frühzeitig Verschleiß und bestellen von sich aus Ersatz beim Hersteller, verknüpft mit einem Termin in einer exklusiven Vertragswerkstatt. 
e-info21 digital: Und was verstehen Sie unter „Verwaltung 4.0“?
Jörn von Lucke: In unserer Häfler (Friedrichshafener) Definition verwenden wir „Verwaltung 4.0“ in Anlehnung an Industrie 4.0 für die Anwendung des Internets der Dinge und der Dienste im Rahmen der Prozesse des Regierens und Verwaltens. Uns interessieren die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle, nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation. International lassen sich die skizzierten Veränderungen für Staat und Verwaltung treffender mit „Smart Government“ umschreiben. Um jedoch Anglizismen zu vermeiden, spreche ich lieber von einem intelligent vernetzten Regierungs- und Verwaltungshandeln. Konkret müssen wir uns die Frage stellen, wie wir künftig intelligent vernetzte Objekte und cyberphysische Systeme zur effizienten wie effektiven Erfüllung öffentlicher Aufgaben einsetzen wollen.  
e-info21 digital: Warum meinen Sie, dass sich „Industrie 4.0“-Szenarien einfach auf die öffentliche Verwaltung übertragen lassen? Wo gibt es Unterschiede?
Jörn von Lucke: „Industrie 4.0“-Szenarien sind leider weder einfach noch eignen sie sich für eine Übertragung auf den öffentlichen Sektor. Wir müssen über den Einsatz smarter Objekte und cyberphysischer Systeme aus Verwaltungssicht nachdenken. Wir müssen unseren eigenen Weg finden, wie wir mit den neuen Möglichkeiten umgehen wollen und wie wir neue Objekte wie etwa Smartphones, smarte Armbänder, smarte Uhren, smart Pads und smarte Fernseher einsetzen wollen. Wir müssen auch über Grenzen nachdenken, hinter denen smarte Objekte mehr schaden als nutzen. Und wir müssen aktiv gestalten wollen, wenn wir die Gestaltung unserer Zukunft nicht in Hände Dritter legen wollen.  
e-info21 digital: Spätestens seit der NSA-Affäre sind die deutschen Bürger beim Thema Datenschutz sehr sensibel. Können Sie diese Bedenken nachvollziehen? Und: Lassen sich diese Bedenken ausräumen?
Jörn von Lucke: Diese Bedenken sind vollkommen berechtigt und zeigen uns, wie wichtig es ist, die Gestaltungshoheit nicht zu verlieren. Wie soll ich smarten Objekten vertrauen, wenn sie Dritten automatisch alle Daten über mich liefern und mein Leben gläsern machen. Dies sollte uns bewusst sein. Nur mit Offenheit und Transparenz bei Quellcode, Schnittstellen und im Datenumgang, verbunden mit hohen Verschlüsselungsstufen und hohem Datenschutzniveau, lassen sich Vertrauen aufbauen und die berechtigte Bedenken angemessen berücksichtigen.  
e-info21 digital: Warum führt an „Smart Government“ mittel- bis langfristig trotzdem kein Weg vorbei? Was sind die Treiber?
Jörn von Lucke: Es werden überzeugende neuartige Lösungen sein, mit denen wir sehr viel besser als bisher öffentliche Aufgaben effizient und effektiv wahrnehmen können. Ein Leben ohne Smartphone ist für viele Deutsche heute kaum noch vorstellbar. Apps bieten vielfältige Mehrwerte gegenüber dem einfachen Handy mit SMS, mit vielen Konsequenzen. Denken Sie etwa an eine smarte Feuerwehrbrille zur Rettung von Menschenleben, an selbstfahrende Automobile im öffentlichen Personennahverkehr oder an sich selbst steuernde Akten und smarte Bescheide. Anbieter aus dem In- und Ausland werden hier innovative Lösungen entwickeln und die Verwaltung treiben.  

Jorn von Lucke: "In unserer Häfler (Friedrichshafener) Definition verwenden wir „Verwaltung 4.0“ in Anlehnung an Industrie 4.0 für die Anwendung des Internets der Dinge und Internet der Dienste im Rahmen der Prozesse des Regierens und Verwaltens. Uns interessieren die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle, nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation". 
e-info21 digital: Wo sehen Sie die größten Potentiale von „Smart Government“?
Jörn von Lucke: Mit Blick auf die demographische Herausforderung und die Schuldenbremse benötigen wir rasch eine digitale Verwaltungsinfrastruktur mit vielen smarten Ansätzen, um bis 2020 in die Lage zu kommen, die bestehenden öffentlichen Aufgaben mit 20-30 Prozent weniger Personal bei gleichem Leistungsniveau anbieten zu können. Gelingt uns dies nicht, werden viele Leistungen im öffentlichen Sektor kritisch hinterfragt und teils abgebaut werden müssen. Dies kann und darf nicht unsere Antwort sein. Smart Government eröffnet uns wertvolle Gestaltungsfenster, die wir nutzen sollten. Die Einführung elektronischer Akten ist dazu ein erster wichtiger Schritt, dem weitere folgen müssen.  
e-info21 digital: Wie könnte das Ganze in der Praxis aussehen? Haben Sie Beispiele?
Jörn von Lucke: In Hessen ist die elektronische Fußfessel sicherlich das bekannteste intelligent vernetzte Beispiel für Smart Government, mit dem beachtliche Einsparungen realisiert werden. Wir haben im Rahmen unserer Studien prototypische Leitbilder für Feuerwehr 4.0, Justiz 4.0, Finanzamt 4.0, Standesamt 4.0, Landwirtschaftsverwaltung 4.0 und Bauverwaltung 4.0 erarbeitet, auf die ich an dieser Stelle vertiefend verweisen möchte. Weitere Szenarien sind in Vorbereitung.  
e-info21 digital: Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen auf dem Weg zu einem „Smart Government“? Wie können Kommunen und Gemeinden diese Herausforderungen meistern?
Jörn von Lucke: Das Themenfeld ist in seiner Breite weder inhaltlich noch personell besetzt. Wir brauchen Leitbilder, Strategien, koordinierende Stellen, Mittel, Personal und Forschung, so wie dies derzeit von Bund und Ländern für Industrie 4.0-Vorhaben zur Verfügung gestellt wird. Kommunen sollten clever zusammenarbeiten, damit das smarte Rad nicht 447-mal neu erfunden wird. Und sie sollten bereit und willens sein, gemeinsam neue Wege der Zusammenarbeit zu beschreiten.  
e-info21 digital: Das klingt, als läge „Smart Government“ noch in recht weiter Ferne. Werden wir dessen Umsetzung noch erleben?
Jörn von Lucke: Hier täuschen Sie sich. Das Ganze kommt sehr viel schneller auf uns zu, als wir das erwarten und erst recht wahr haben wollen. Smartphones und Drohnen haben schon eine weite Verbreitung gefunden. Politik und Verwaltung erkennen nach der NSA-Abhorchaffäre Handlungsbedarfe. Uns ist gar nicht bewusst, wie schnell sich die Welt um uns gerade entwickelt und wie sehr wir uns auch in den kommenden Jahren ändern werden.  
e-info21 digital: Von welchen Veränderungen werden wir besonders profitieren? Auf welche Veränderung freuen Sie sich persönlich am meisten?
Jörn von Lucke: Am meisten würden wir davon profitieren, wenn es Staat und Verwaltung gelingt, mit proaktiven Angeboten, sich selbst steuernden Vorgängen, smarten Rechnungen, smarten Bescheiden und einheitlichen Ansprechpartnern die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Sektors auf dem bisherigen Niveau zu erhalten, trotz aller Erfordernisse zum Personalabbau. Am meisten freue ich mich auf den neu geschaffenen Raum für Innovation und auf einheitliche Ansprechpartner für alle Bürger.  
Vielen Dank für das Gespräch!