Bürgermeister im Dialog: Hartmut Linnekugel aus Volkmarsen

 

„Liebens- und lebenswert: Das Städtchen an der Kugelsburg“
Das kleine Städtchen Volkmarsen in Nordhessen hat seinen Charme und bietet seinen Bürgern hohe Lebensqualität. Einer, der die Geschicke und die Zukunft seit fast 18 Jahren mitgestaltet ist Bürgermeister Hartmut Linnekugel. Doch nicht nur bei der Gewerbeansiedlung, auch in der Informationstechnologie ist Volkmarsen seiner Zeit voraus. Wie zieht man Gewerbe an? Welche Rolle spielen Internet-Dienste und eGovernment? Wie geht Volkmarsen mit Bürgerkriegsflüchtlingen um? e-info21 digital hat Bürgermeister Hartmut Linnekugel zum Gespräch eingeladen.
e-info21 digital: Herr Linnekugel, was bewegt Volkmarsen aktuell besonders?
Hartmut Linnekugel: Wir setzen uns in Volkmarsen schon seit Jahren mit dem demographischen Wandel auseinander. Und das mit einem durchweg positivem Ergebnis: Durch Ausweisung neuer Bauplätze und der Bereitstellung einer guten Infrastruktur ist es uns gelungen, den demographischen Wandel aufzuhalten. Er ist ein wichtiger Prüfstein für unsere politischen Entscheidungen in Gegenwart und Zukunft. Daher sind wir gewiss, dass unser Weg die Entwicklung in Gewerbebetrieben und Vereinen weiter stärkt. Auch der Arbeitsmarkt profitiert von unserer Politik enorm. Zudem bewegt das Schicksal der vielen Flüchtlinge die Stadt und seine Bürger. Die Volkmarsener haben in den vergangenen Monaten rund 100 Flüchtlingen eine neue Heimat gegeben. Die Integration in die Gemeinschaft verläuft bisher sehr gut. Besonders wirkungsvoll sind dabei die von uns angebotenen Willkommensveranstaltungen und das Patenmodell. 
e-info21 digital: Welche Bedeutung hat aus Ihrer Erfahrung das Infrastruktur-Angebot einer Kommune für Bürger und Gewerbe?
Hartmut Linnekugel: Eine gut entwickelte Infrastruktur ist existenziell. Volkmarsen ist heute die Stadt in Nordhessen mit den geringsten Bevölkerungsverlusten. Ein Beleg dafür, dass Bürger und Gewerbe unsere Politik gutheißen. Infrastruktur ist nämlich mehr, als nur Verkehrsentwicklung und Gewerbeansiedlung. Die sogenannten „weichen Faktoren“ tragen in demselben Maße zur Zufriedenheit in Volkmarsen bei. Dazu zählen unter anderem die Ausstattung der Gemeinde mit Schwimmbädern, ausreichend Kindergärten und Jugendzentren sowie modernen Schulen. Wer auch in solche Infrastrukturmaßnahmen investiert, schafft zugleich ein attraktives Umfeld für qualifizierte Fachkräfte und deren Familien. Denn immer öfter entscheidet der Partner bei der Wahl des Berufs oder des Arbeitsplatzes mit.
e-info21 digital: Volkmarsen hat seine Attraktivität in den letzen Jahren stetig gesteigert und damit der Abwanderung in Städte erfolgreich entgegengewirkt. Was haben Sie unternommen?
Hartmut Linnekugel: Mit aktuell etwa 6.850 Einwohnern halten wir die Bevölkerungszahl in Volkmarsen und seinen Stadtteilen seit Jahren auf einem stabilen Niveau. Voraussetzung dafür sind ausreichend Arbeitsplätze. Sie sind grundsätzlich der Motor der Region. Durch die Ansiedlung neuer Betriebe und Dienstleister (Haus für Autismus, Betreutes Wohnen, Seniorenheim u.s.w.) schaffen wir attraktive Arbeitsplätze in Volkmarsen.
Allerdings sehen wir noch eine Menge Entwicklungspotenzial im Einzelhandel und werden hier weiter investieren. Dazu arbeiten wir gemeinsam mit den Verantwortlichen aus Diemelstadt, Twistetal und Bad Arolsen an einem Strukturkonzept für den Handel in der Region Nordwaldeck. Auf diesem Weg bauen wir die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Volksmarsen auch für Nischen-Unternehmen weiter aus. Um diese Entwicklung voranzutreiben, ist unser permanenter Einsatz erforderlich.  

Katholische Kirche Volkmarsen
e-info21 digital: Der digitale Wandel verändert die Erwartung von Bürgern, Unternehmen und Verbänden gegenüber Kommunen. Wie schätzen Sie die Bedeutung ein?
Hartmut Linnekugel: Die Bedeutung wird noch weiter steigen. Denn wenn in einer Gemeinde etwas nicht stimmt, sehen es die Bürgerinnen und Bürger meist zuerst. Wir wollen das Wissen unserer Bürger nutzen, müssen aber gleichzeitig die Möglichkeit bieten, rund um die Uhr und an jedem Tag der Woche erreichbar zu sein. Der digitale Wandel ist für Bürger und Verwaltung eine große Chance direkt miteinander in Kontakt zu kommen. Der direkte digitale Kontakt mit den Einwohnern verkürzt die Durchlaufzeiten von Bürgeranliegen und erhöht somit natürlich auch den Erwartungsdruck auf die Verwaltung.
e-info21 digital: Wie geht Volkmarsen damit um? Welche Bedeutung hat eGovernment für die Verwaltung in Volkmarsen?
Hartmut Linnekugel: eGovernment nimmt immer mehr an Bedeutung für unsere Gemeinde zu. Unsere Digital-Initiative hat unter anderem zum Ziel, als Stadt attraktiver für Bürger und Unternehmen zu sein und es zu bleiben. Zu diesem Zweck setzen wir seit 2014 erfolgreich auf civento. Diese eGovernment-Lösung ist speziell für Kommunalverwaltungen entwickelt. Teil der Software ist der sogenannte „Bürgerblick“. Damit können die Einwohner von Volkmarsen ihre Beschwerden oder Vorschläge der Stadtverwaltung mitteilen – vollkommen zeitunabhängig und bequem von zu Hause aus. Darüber hinaus lassen sich bei der Stadtverwaltung Urkunden digital anfordern, Gewerbeanträge stellen oder direkt Mailkontakt zu Sachbearbeitern aufnehmen.
e-info21 digital: Wie sah die Verwaltung vor zehn Jahren im Vergleich zu heute aus, was hat sich seither geändert und wie wird sie aussehen?
Hartmut Linnekugel: eGovernment ist schon seit Jahren ein erfolgreicher Baustein in der Bürger-Stadt-Beziehung. Denn uns ist klar: Die Verwaltung wird immer mehr zum Dienstleister für seine Bürger. Das bedeutet: Mehr Effizienz und Agilität in der Stadtverwaltung sind notwendig. Mittlerweile sind über 90 Arbeitsabläufe in der Verwaltung digital abgebildet. Das wollen wir ausbauen. Gemäß der Devise: Gestalten statt Verwalten!

Turm der ehemaligen Stadtmauer
e-info21 digital: Politische Konflikte und Bürgerkriege haben die Zahl der Flüchtlinge vervielfacht. Welche Herausforderungen stellen sich für Sie?
Hartmut Linnekugel: An erster Stelle steht zunächst einmal die menschenwürdige Unterbringung in dezentralen Wohnungen. Ist das geregelt, unterstützen wir die Flüchtlinge bei der Integration. Wir wollen unseren neuen Mitbürgern die regionale Kultur näher bringen. Integration funktioniert aber nur dann, wenn wir ausreichend Kindergartenplätze zur Verfügung stellen und die Flüchtlinge durch Fortbildungen fit für den Arbeitsmarkt machen. Denn dann stehen sie nach entsprechender Genehmigung der Ausländerbehörde dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. In diesem Zusammenhang darf ich mich sehr herzlich bei den vielzähligen ehrenamtlichen Helfern bedanken.
e-info21 digital: Und wie gehen Sie bei der Lösung vor?
Hartmut Linnekugel: Wir haben alle Beteiligten an einem „runden Tisch“ versammelt. Natürlich sind auch die Betriebe und Unternehmer mit im Boot. Diese beziehen wir in die Diskussion mit ein, indem beispielsweise die Stadtverwaltung regelmäßig an der örtlichen Unternehmerrunde teilnimmt. 
e-info21 digital: Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Herausforderungen für Kommunen?
Hartmut Linnekugel: Zunächst einmal muss die Handlungsfähigkeit der Kommunen sichergestellt sein. Der Erhalt des jetzigen Standards beziehungsweise der jetzigen Infrastruktur ist das wichtigste Ziel. Daneben hat der weitere Schuldenabbau höchste Priorität. Letztlich müssen Kommunen bestehende Arbeitsplätze sichern und neu schaffen sowie Jugendzentren, Kindergärten, Schulen und Freizeitangebote erhalten. 

Übersicht über Stadt Volkmarsen
e-info21 digital: Was haben Sie sich für Volkmarsen noch vorgenommen?
Hartmut Linnekugel: Wir wollen Volkmarsen als lebens- und liebenswerte Stadt weiter entwickeln – und das in allen Stadtteilen. Bürger und Stadtverwaltung haben dabei gemeinsam schon viel erreicht. Ich persönlich möchte weiterhin gerne der Motor und Vorreiter sein, um Entwicklungen unserer sozialen Einrichtungen und im Gewerbebereich voranzutreiben.
e-info21 digital: Und, was begeistert Sie privat?
Hartmut Linnekugel: Ich bin ein Familienmensch und liebe es, meine freie Zeit im Kreise der Liebsten zu verbringen. Der familiäre Trubel ist für mich Kraftreservoire und Jungbrunnen. Möchte ich mich dem Trubel einmal entziehen, schwinge ich mich auf den Bock meines Motorrades oder Treckers. Hier finde ich ebenso zu mir selber, wie abends zuhause mit einem guten Buch. 
Vielen Dank für das Gespräch! 

 

Weiterführende Links:
Die Internetpräsenz der Stadt Volkmarsen
Der Wirtschaftsstandort Nordwaldeck
Volkmarsen als Vorreiter im eGovernment