Bürgermeister im Dialog: Gerhard Schultheiß  

 

Zur Stadt Nidderau sind Windecken und Heldenbergen seit ihrem freiwilligen Zusammenschluss 1970 längst zusammengewachsen. Später kamen die Orte Erbstadt, Eichen und Ostheim hinzu. Das Projekt „Neue Mitte“ schafft jetzt ein neues Stadtzentrum und vollendet den Zusammenschluss städtebaulich. Maßgeblich beeinflusst hat das Projekt Bürgermeister Gerhard Schultheiß, der seit 1997 amtiert. Doch nicht nur städtebaulich, auch in Verwaltung, Bürgerbeteiligung und Informationstechnologie geht die Stadt spannende Wege. Wie beteiligt man Bürger an Entscheidungen? Welche Rolle spielen Internet-Dienste und eGovernment? einfo21 digital hat Bürgermeister Gerhard Schultheiß interviewt.


Gerhard Schultheiß

einfo21 digital: Herr Schultheiß, was bewegt Nidderau aktuell besonders?

Gerhard Schultheiß: Die Nidderauer bewegt gerade unser neues Stadtzentrum – die Neue Mitte. Damit zusammen hängt die Entwicklung des Nidder Forums, dass über 6.000 Quadratmeter Verkaufsfläche bieten wird. Die Eröffnung des neuen Magneten im Main-Kinzig-Kreis ist für April/Mai 2016 vorgesehen. Bis dahin aber sind noch einige Schritte zu tun.  
einfo21 digital: Ist für die Neue Mitte auch ein City-WLAN geplant?
Gerhard Schultheiß: Wir diskutieren ein WLAN gerade vor dem Hintergrund breiter Initiativen in ganz Deutschland. Ideal wäre das schon für uns und würde die Neue Mitte noch attraktiver machen. Aber die Kosten müssen im Verhältnis zu unserer (eher schwachen) Finanzkraft stehen. Insofern ist hier noch nichts entschieden. Zukunftsweisende Technologien sind aber sicherlich ein wichtiger Standortfaktor und den haben wir für die ganze Stadt durch das Glasfaser-Netz von m-net. In Nidderau ist das Internet mit 50 Mbit/s rasend schnell.

Impressionen der "Neuen Mitte"
einfo21 digital: Welche Bedeutung hat das Infrastruktur-Angebot einer Kommune für Bürger und Gewerbe?
Gerhard Schultheiß: Breitband-Internet ist nur ein Aspekt, insgesamt spielt ein gutes Infrastruktur-Angebot eine wichtige Rolle für Ansiedelungsentscheidungen. Wir tragen Sorge für eine leistungsfähige Infrastruktur, das ist unsere maßgebliche Maxime. In dieser Hinsicht fühlen wir uns sehr gut aufgestellt. Nicht zuletzt durch die Freigabe der Ortsumgehung B45/B521: Damit haben wir sehr gute Verkehrsanschlüsse, entlasten aber den Ortskern und gewinnen Gewerbeflächen in zentraler Lage.  
einfo21 digital: Der digitale Wandel verändert die Erwartung von Bürgern, Unternehmen und Verbänden gegenüber Kommunen. Wie schätzen Sie Bedeutung und Konsequenzen der gerade vorgestellten neuen hessischen E-Government-Strategie „Digitale Verwaltung Hessen 2020“ ein? Was steht jetzt auf der Agenda?
Gerhard Schultheiß: Im Grunde ist es der nächste Schritt in Richtung digitalisierter Lebenswelt, der  –  und das darf man nicht vergessen – auch mit erheblichen Investitionen und Schulungsaufwendungen verbunden ist. Entscheidend aus unserer Erfahrung ist es, dass Anspruch und Wirklichkeit, also das wirkliche Nutzungsverhalten, auch übereinstimmen. So ist etwa das Bürgertelefon 115 eher in Großstädten akzeptiert und nachgefragt. Oder nehmen Sie die EU-Dienstleistungsrichtlinie. Wir waren verpflichtet die Voraussetzung zu schaffen, damit sich Gewerbetreibende auch in Nidderau via Internet anmelden können. Faktisch berühren uns beide Beispiele kaum, doch am Ende stellt sich die Frage: Wer bezahlt es?  
einfo21 digital: Wie geht Nidderau damit um? Welche Bedeutung hat E-Government?
Gerhard Schultheiß: Wir sehen den Ansatz E-Government eher pragmatisch. Wir sind innovativ, orientieren uns aber klar an Nutzen, Nutzenverhalten und Kosten.  
Als sehr wirkungsvoll und beliebt hat sich unser Anregungs- und Ereignis-Management (AEM) erwiesen. Per SmartPhone-App oder am PC beteiligen sich Bürger interaktiv an der Gestaltung und Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur. Egal, ob eine Straßenlampe defekt oder ein Radweg unbefahrbar ist – mit wenigen Mausklicks melden Bürger Verbesserungsvorschläge an die Stadtverwaltung. Nidderau entspricht damit dem Wunsch nach mehr Bürgerbeteiligung und schafft mehr Transparenz.  
Ein anderes Beispiel ist der Rechnungsworkflow, bei dem wir dank Software-Unterstützung Zahlungen deutlich schneller zuordnen, abwickeln und ausgleichen können. Das macht unseren Sachbearbeitern das Leben erheblich leichter, sorgt aber auch für schnelle und fehlerfreie Zahlungsströme.  
Bewährt hat sich auch unser Ratsinformationssystem. Bei Sitzungen mussten wir früher Berge Papier ausdrucken und den Mandatsträgern zur Vor- und Nachbereitung überreichen. Das hat sich jetzt geändert, denn die Kollegen haben Tablet-PCs erhalten und unser Informationssystem stellt Anträge, Agenda-Punkte, Abstimmung und vieles mehr viel bequemer, schneller und umweltfreundlicher bereit. Nidderau geht neue Wege, dies wird sich Zug um Zug fortsetzen.  
einfo21 digital: Wie sah die Verwaltung vor zehn Jahren im Vergleich zu heute aus?
Gerhard Schultheiß: Die Beispiele Anregungsmanagement, Rechnungsworkflow oder Ratsinformationssystem illustrieren den Paradigmenwechsel: Mehr Service auf Online-Basis, mehr Einsatz von Informationstechnologie.  
einfo21 digital: Wo sehen Sie die Verwaltung von Nidderau 2020?
Gerhard Schultheiß: Wir werden uns Innovationen nicht verschließen, dürfen natürlich aber auch nicht übers Ziel hinaus schießen. Der Nutzen für Bürger und Verwaltung muss in einem vernünftigen Verhältnis stehen. 
einfo21 digital: Welche Internet-Dienste bietet Nidderau und wie sind hier Ihre Erfahrungen?
Gerhard Schultheiß: Die Internetdienste sind auf der Homepage von Nidderau verankert – das geht vom Formularwesen über den Abfallkalender bis zu Informationsbulletins per Newsletter. Aber in der Tat, spannend sind Projekt zur Bürgerbeteiligung wie: Online-Voting über den Dienstleister eOpinio. Wir haben die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt etwa bei der Neue Mitte genutzt. Zunächst haben wir die Bürger informiert, Meinungen eingeholt und dann auch online abstimmen lassen. Das ist die Zukunft.  
einfo21 digital: In den zurückliegenden Jahren ist es Ihnen immer wieder gelungen, einen tragfähigen Konsens für Entscheidungen zu schaffen. Wie machen Sie das?
Gerhard Schultheiß: Man muss Entscheidungen mit etwas Zeit voran bringen, notfalls in zweiter und dritter Lesung vorbereiten und vor allem die Bürger einbinden. Fundierte Vorlagen tun dann ein Übriges dazu. Man muss am Ende überzeugen, denn ein Boot kommt nicht voran, wenn jeder auf seine Art rudert. 
einfo21 digital: Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Herausforderungen für Kommunen?
Gerhard Schultheiß: Die Flüchtlingsfrage, sowie die Kinderbetreuung und dies vor dem Hintergrund der ungenügenden Finanzausstattung.
einfo21 digital: Was haben Sie sich für Nidderau noch vorgenommen?
Gerhard Schultheiß: Die Infrastruktur verträgt noch Verbesserungen. Das beginnt bei der Feuerwehr und reicht bis zu neuen Wohngebieten, die im Rhein-Main-Gebiet stark nachgefragt sind. Ganz wichtig ist für Nidderau auch die Ansiedelung neuer Gewerbebetriebe nach der Freigabe der Ortsumgehung. Aber wir sind hier in allen Fragen schon auf dem richtigen Weg.  
einfo21 digital: Und, was begeistert Sie privat?
Gerhard Schultheiß: Die Naturfotografie, das Fliegenfischen und ein sehr erfolgreicher bayerischer Fußballverein.  
Vielen Dank für das Gespräch! 

Nidderau aus der Vogelperspektive 

 

Weiterführende Links:

Bürgermeisterkandidat Gerhard Schultheiß (Nidderau) beim IceBucketchallenge

https://www.youtube.com/watch?v=tMNyow29NTQ

Zum Projekt „Neue Mitte“ für Nidderau finden interessierte Leser unteren anderem hier weitere Hintergründe:

http://www.nidderau.de/neuestadtmitte.htm

Interessant ist, wie die Politik in Nidderau die Bürger in Entscheidungen einbezieht. Ob mit dem Fahrrad, wie die Frankfurter Neue Presse berichtet:

ndp.fnp.de/lokales/wetterau/Wo-Buergern-der-Schuh-drueckt;art677,1558492

oder digital, denn über das Projekt „Neue Mitte“ konnten Bürger auch im Internet abstimmen:

https://www.eopinio.de/beteiligung/stadt/43/planungsunterstuetzung/22