Macht hoch die Tür, die Tor macht weit: Open Data in Hessen  

 

Open Data ist ein heißes Thema, das erlebt Ralf Sagroll jeden Tag. Seit vier Jahren leitet er die Stabsstelle E-Government der Stadt Frankfurt am Main. Sagroll hat programmiert, vernetzt, und beschafft. Die Einführung von IT-Großverfahren als Projektleiter organisiert, Anwendungsregelungen formuliert sowie IT-Dienstvereinbarungen verhandelt. Heute entwickelt er E-Government-Strategien. Welche Chancen bietet Open Data? Welche Fragen sind zu klären? e-info21 digital hat mit Ralf Sagroll gesprochen.
e-info21 digital: Herr Sagroll, wofür steht der Begriff Open Data?
Ralf Sagroll: Unter „Open Data“ versteht man die freie Verfügbarkeit und Nutzbarkeit zumeist öffentlicher Daten. Die angebotenen maschinenlesbaren Daten versetzen Entwickler und Diensteanbieter in die Lage, einen Mehrwert zu generieren, indem sie Daten beispielsweise grafisch darstellen oder mit selbst erhobenen Daten anreichern. Die Verwaltung kann und darf diese Angebote aus wirtschaftlichen und teilweise rechtlichen Gründen nicht selbst bereitstellen. Open Data richtet sich an Entwickler, nicht an Bürgerinnen und Bürger.
e-info21 digital: Wie gehen Sie mit Open Data um, welche Angebote schaffen Sie in Frankfurt?
Ralf Sagroll: Wir in Frankfurt haben im Oktober 2014 die Plattform „www.offenedaten.frankfurt.de“ freigeschaltet und bemühen uns seither um weitere Datenangebote unserer Fachämter. Der Großteil der inzwischen zur Verfügung gestellten Daten stammt aus unserem Bürgeramt, Statistik und Wahlen. Hier finden sich vor allem Zahlen zu Einwohnern und zu Wahlen. Sehr populär sind auch die bereitgestellten Geodaten. Wir arbeiten daran, das Angebot fortlaufend zu erweitern.
e-info21 digital: Können Sie einschätzen, wie verbreitet Open Data in Hessen ist?
Ralf Sagroll: Ich glaube, dass Frankfurt in Hessen mit seinem Angebot noch ziemlich alleine dasteht. Für viele Kommunen dürfte der hemmende Faktor sein, dass man erwartet, zusätzliche Infrastrukturen schaffen zu müssen. Dabei ist der Aufwand überschaubar. Mit der sehr häufig eingesetzten Software CKAN wird nur eine Link-Datenbank erstellt. Die Daten können an anderer Stelle, zum Beispiel auf den Servern für einen Webauftritt, gespeichert werden. Gerade kleine Gemeinden dürften allerdings ein Interesse daran haben, dass ihnen ein Dienstleister die CKAN-Software bereitstellt. 
e-info21 digital: Wie setzen Sie Open Data technisch um?
Ralf Sagroll: Der technische Aufwand ist gering. Dafür werden zunächst virtuelle Serversysteme für Test und Produktion benötigt. Anschließend heißt es: Daten veröffentlichen, managen, anreichern oder auch für APIs zur automatisierten Weitergabe in Drittsysteme einrichten. Hierbei kommt als Software der Marktstandard CKAN zum Einsatz, eine Open-Source-Software. Eine Herausforderung im Vorfeld kann sich noch dadurch ergeben, dass wir vorhandene Datenquellen für die Bereitstellung in maschinenlesbare Formate überführen müssen.

© PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto: Karola Neder
e-info21 digital: Welche Chancen haben Bürger und Kommunen durch Open Data?
Ralf Sagroll: Ziel der Datenbereitstellung ist es zum einen, die Verwaltung transparenter zu gestalten und sich somit dem Bürger noch weiter zu öffnen. Zum anderen sollen Anwendungen entstehen, die Bürgerinnen und Bürger einen Mehrwert bieten. Und als letzter Punkt: Open Data qualifiziert sich zunehmend als Voraussetzung für neue Geschäftsmodelle. Daraus entstehen innovative Start-ups, die sich auf die Entwicklung von Anwendungen auf Basis von Open Data spezialisieren und somit neue Arbeitsplätze schaffen.
e-info21 digital: Können Sie Beispiele für Anwendungen nennen?
Ralf Sagroll: Es ist schwer, konkrete Beispiele zu nennen. Denn Entwickler, die unsere Daten nutzen, müssen sich nicht registrieren und auch keine Auskunft über die aus den Daten entstehenden Anwendungen geben. Wir wissen, dass unsere Daten im Kartendienst Nokia Here Verwendung finden. Auch fließt unsere „Vornamensliste“ in eine bundesweite Übersicht ein. Darüber hinaus stehen wir mit der Entwickler-Community im Kontakt und leiten von dort geäußerte Wünsche an die jeweiligen Ämter zur Prüfung weiter. Ein schönes Beispiel wäre eine Anwendung, die aus offenen Daten entstehen kann, ist eine Restaurantliste mit barrierefreien Eingängen. Der Entwickler würde hierzu Geodaten der Kommune um selbst erhobene Daten ergänzen und damit ein sehr nützliches Werkzeug schaffen.
e-info21 digital: Wo liegen denn aktuell die Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Open Data?
Ralf Sagroll: Das ist zunächst eine Frage der Priorisierung. Die Ämter haben wenig Zeit, sich konsequent ihre Datenbestände im Hinblick auf deren Bereitstellung anzusehen. Eine andere Frage betrifft die Datenlizenz. Wir sind an die „Datenlizenz Deutschland Namensnennung“ gebunden. Dies steht zuweilen im Widerspruch zu bisherigen Nutzungsbedingungen und unter Umständen auch zu Einnahmeerwartungen. Zudem muss einem klar sein, dass die Verwaltung die herausgegebenen Daten anschließend nicht mehr unter Kontrolle hat.
e-info21 digital: Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Herausforderungen?
Ralf Sagroll: Zum einen wollen wir die CKAN-Software um interaktive Funktionen erweitern, die ein direktes Feedback der Entwickler zulassen. Eine ständige Herausforderung ist die Akquise weiterer Datenangebote bei unseren Ämtern. Besonders groß ist die Herausforderung, wenn dort andere Prioritäten gesetzt werden. Nicht zuletzt wird Hessen durch seine angekündigte gesetzliche Regelung zum Thema Open Data mehr Klarheit schaffen. Darauf warten wir gespannt.
e-info21 digital: Wie hängen Open Data und Open Government zusammen?
Ralf Sagroll: Open Data ist ein Teilaspekt von Open Government. Dazu zählen auch die Stärkung der Partizipation, Transparenz und Informationsfreiheit.
e-info21 digital: Was erwarten Sie von der Politik und wie können sich Kommunen vorbereiten?
Ralf Sagroll: Wir sind mit der politischen Unterstützung sehr zufrieden. Die umzusetzenden Maßnahmen wurden im Rahmen der E-Government-Strategie beschlossen, die notwendigen Mittel stehen zur Verfügung. Im Frankfurter Stadtparlament wurden wiederholt konkrete Open-Data-Vorhaben diskutiert. Das ist zukunftsweisend und zeigt das Potenzial, aber auch die notwendigen Vorüberlegungen.
Generell können sich Kommunen vorbereiten, indem sie sich zunächst einen Überblick über ihre eigenen Daten verschaffen. Hier liegt auch ein großer interner Nutzen von Open Data: Es müssen klare Zuständigkeiten für die Datenpflege vorliegen, die Aktualität muss gewährleistet sein und redundante Datenhaltung fällt auf.
e-info21 digital: Was haben Sie sich für 2016 in der Stabsstelle E-Government noch vorgenommen?
Ralf Sagroll: Unsere Arbeit wird schwerpunktmäßig von zwei Projekten geprägt sein. Das ist der Einsatz des Antrags- und Fallmanagements Civento der eKom21 für Geschäftsprozesse und die Einführung eines Dokumentenmanagementsystems. Daneben entwickeln wir unser Unternehmer- und Dienstleisterportal „Ansprechpartner Frankfurt“ zum „EA 2.0“ weiter.
Vielen Dank für das Gespräch!

 

Weiterführende Links: 
Datenportal der Stadt Frankfurt
Auch der Bund engagiert sich
Umfangreiches Dossier der Bundeszentral für Politischen Bildung zu Open Data
CKAN – die Funktionen im Überblick
Prio eins für 2016 in der Stabsstelle E-Government: Verwaltungsmodernisierung mit civento
Einheitlicher Ansprechpartner – der digitale Butler für Unternehmer in Hessen