Hessenweit einmalig: Vier Gemeinden finden gemeinsame Stärke

 

Schloss Romrod lädt zur Besichtigung und zum Feiern ein, auch von Wanderungen oder Radtouren kennen viele Hessinnen und Hessen Romrod. Doch das Städtchen im Vogelsbergkreis bietet noch viel mehr, und in der Verwaltung läuft gerade eine kleine Revolution an. Seit mehr als zwölf  Jahren steht Dr. Birgit Richtberg der Bürgerschaft vor. Was liegt in Romrod an, was geht in Romrod vor? e-info21 digital hat Bürgermeisterin Dr. Richtberg interviewt.
e-info21 digital: Frau Dr. Richtberg, was macht Romrod besonders reizvoll, was bietet Romrod?
Dr. Richtberg: Oh, da gibt es viele Aspekte. Herausheben möchte ich zuerst das fruchtbare Miteinander vieler aktiver Vereine und ehrenamtlich tätiger Menschen; Menschen, die etwas bewegen wollen für ihre Orte und für unsere Stadt. Die Bandbreite der Angebote reicht von regelmäßigem Engagement in Vereinen, ehrenamtlichen Seniorenbesuchsdiensten und einer aktiven Nachbarschaftshilfe bis hin zu großen traditionellen Kirmesveranstaltungen, dem kleinen Museumsuferfest, dem legendären Blinklicht-Mähdrescherfest und einem der schönsten Weihnachtsmärkte in Hessen. Und das alles findet statt vor der romantischen Kulisse eines Schlosses mit großer Vergangenheit und außergewöhnlichem Angebot im Eventbereich, Hotellerie und Gastronomie. Es gib immer etwas Neues in Romrod, etwa dass Romrod seit Anfang diesen Jahres den Sitz der Landesgeschäftsstelle „Lutherweg in Hessen e.V. “ beheimatet.  
e-info21 digital: Was bewegt die Kommune und wie kommen Sie zu Lösungen?
Dr. Richtberg: Wir sind eine kleine Kommune im ländlichen Raum. Das führt zu einer weitläufigen und manchmal auch aufwendigen Infrastruktur sowie zu Kosten, die sich auf Grund des demographischen Wandels auf immer weniger Menschen verteilen. Aber wir leben gerne auf dem Land. Mit viel ehrenamtlichem Engagement und gutem Kontakt zwischen den Generationen schaffen wir interessante Strukturen und Angebote, die unser Leben bereichern und zudem bezahlbar sind.  
Ein gutes Beispiel ist unser Mehrgenerationenhaus in Romrod. Es dient der Organisation und Unterstützung von generationenübergreifenden Angeboten und Veranstaltungen. „Biete Babysitten – Suche Rasen mähen“ – finden, was man sucht und geben, was man kann.  
Davon profitieren alle, zeigen unsere Erfahrungen. Daher wird künftig das Mehrgenerationenhaus auch Mittelpunkt unseres Projektes „Leben und Wohnen im Alter“. Ältere Menschen werden in Wohngruppen nach dem Hausgemeinschaftsmodell leben, auch betreut und gepflegt . Direkt am Mehrgenerationenhaus bleiben sie damit mitten im Geschehen der kleinen Stadt. Und als integraler Teil der Gemeinschaft erfahren ältere Menschen auch, dass sie einen Beitrag für  diese Gemeinschaft leisten können. 
e-info21 digital: Wie schafft Romrod attraktive Rahmenbedingungen für die Bürger?
Dr. Richtberg: Die Menschen sollen in unserer Stadt in jeder Phase ihres Lebens gute und bedürfnisgerechte Strukturen und Angebote vorfinden. Eine besondere Herausforderung ist die Familienphase für junge Menschen, insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hier ist eine Kinderbetreuung erforderlich, die ebenso verlässlich wie flexibel ist. Das realisieren wir in Romrod neben dem guten Kita-Angebot durch ein Tagesmütternetzwerk. Besonders für ganz kleine Kinder oder bei Schichtarbeit der Eltern ist dies unverzichtbar.  
Die zweite große Herausforderung in Verlauf des Lebens ergibt sich, wenn ein Familienmitglied oder Angehöriger zunehmend Unterstützung und Pflege benötigt. Wie kann man diesen Weg gemeinsam gehen, ohne überfordert zu sein und sich voneinander zu entfernen? Das erfordert individuelle Unterstützung vor Ort – angefangen bei der temporären Nachbarschaftshilfe über einen ehrenamtlichen Seniorenbesuchsdienst, eine Erinnerungswerkstatt für demenzkranke Menschen bis hin zum verlässlichen Pflegedienst oder Wohngemeinschaften für ältere Menschen. 
Wir setzen gezielt an, um die Beziehungen zwischen Menschen zu stärken. Denn man kann auch in fordernden Lebensphasen gut leben, wenn es aktive Unterstützung und verlässliche Strukturen gib. 
e-info21 digital: Welche Bedeutung hat das Infrastruktur-Angebot einer Kommune?
Dr. Richtberg: Wichtig ist erstens, dass die Menschen in ihrem Ort das Wichtigste für ihren täglichen Bedarf und zweitens gute Voraussetzungen für ihre jeweilige Lebenphase finden. Zum täglichen Bedarf gehören ein gutes Angebot an Einkaufsmöglichkeiten, Banken, Apotheke, ärztliche Versorgung und Dienstleistungen wie Physiotherapie etc. Gleichzeitig schaffen Pflegedienste, Tagesmütternetzwerk, Kindertagesstätte oder Schulen mit eigenem Betreuungsverein optimale Voraussetzungen für unterschiedliche Lebensmodelle und -situationen. Besonders wichtig – für Menschen jeden Alters, privat und geschäftlich, ist die Verfügbarkeit von schnellem Internet. Zugang zur modernen Informationstechnologie und Vernetzung ist Grundlage und Voraussetzung für jegliche Entwicklung im ländlichen Raum. 
e-info21 digital: Breitband in Romrod? – Mit „Bigo“ schaffen Sie Fakten. Was verbirgt sich dahinter?
Dr. Richtberg: Gemeinsam mit ihren Landkreisen und dem Zweckverband Oberhessische Versorgungsbetriebe haben sich die Kommunen im Vogelsberg- und Wetteraukreis aufgemacht, um auch im ländlichen Raum Breitbandanschlüsse zu ermöglichen. Leider ist der Ausbau der Netzinfrastruktur im Vergleich zu den zu erwirtschaftenden Gewinnen so kostspielig, dass große Anbieter stolze Summen verlangten, um tätig zu werden. Daraufhin wurde die Breitband-Infrastruktur-Gesellschaft Oberhessen – kurz Bigo – gegründet, die den Ausbau in den nächsten beiden Jahren selbst verwirklichen wird. Leider versagt im ländlichen Raum der Markt. Daher mussten wir die Daseinsvorsorge selbst in die Hand nehmen, um die Region wettbewerbs- und zukunftsfähig zu gestalten.  
e-info21 digital: Wie sah die Verwaltung vor zehn Jahren im Vergleich zu heute aus?
Dr. Richtberg: Als ich in der Stadtverwaltung von Romrod meinen Dienst begann, wurden PCs nur in der in der Finanzverwaltung verwendet, ansonsten dominierten Schreibmaschinen. Einige Mitarbeiter waren der Informationstechnologie gegenüber eher reserviert. Das hat sich rasant und vollkommen gerändert. „Damals“ konnte man noch alles „zu Fuß“ bewältigen. Heute können, nein – müssen wir die Verwaltung schließen, wenn die Vernetzung und elektronischen Systeme ausfallen. Ohne die Technik geht nichts mehr: außer Archiv aufräumen! 
e-info21 digital: Lassen Sie uns den revolutionären Neuansatz in der Verwaltung betrachten. Romrod schließt sich mit den Nachbar-Kommunen Schwalmtal, Grebenau und Feldatal zusammen? Können Sie uns die Idee näher erläutern?
Dr. Richtberg: Wir kleinen Kommunen müssen alle Aufgaben erfüllen, die auch wesentlich größere Gemeinden erfüllen. Nur haben wir viel geringere „Fallzahlen“. Also müssen wir alles können, obwohl es viel seltener nachgefragt wird. Das bedeutet, die anfallende Arbeit macht viel mehr Arbeit. Beim Nachdenken über Verbesserungsmöglichkeiten stießen wir sehr schnell auf eine interessante Perspektive: Interkommunale Kooperation der inneren Verwaltung.  
Durch den Zusammenschluss des gesamten „Backoffice“-Bereichs können neue Schwerpunkte geschaffen werden: Finanzen (1), Bauen und Liegenschaften (2) sowie Hoheit-Ordnungswesen-Standesamt (3). Höhere Fallzahlen führen dazu, dass die Mitarbeiter sich stärker qualifizieren und spezialisieren können. Vertretungen werden möglich und bessere Arbeitsqualität – im Dienste und im Interesse der Bürger. Mit diesem Ziel haben sich schließlich vier Gemeinden, Feldatal, Grebenau, Romrod und Schwalmtal, zum Gemeindeverwaltungsverband zusammenschlossen. Das Ergebnis: Arbeitsprozesse werden viel effizienter, denn anstatt vorher für etwa 2.500 Menschen wird nun die Kernverwaltung für 10.000 Menschen erledigt – die Arbeit macht weniger Arbeit. Das ist gut, wenn man eine Fläche verwalten, die dem Gebiet der Stadt Frankfurt entspricht. 
e-info21 digital: Wie setzen Sie den Zusammenschluss der Fachbereiche technisch um? Wie unterstützt Sie die ekom21?
Dr. Richtberg: Wir haben den großen Vorteil, dass alle beteiligten Kommunen für ihre Kernbereiche die Programme und häufig auch den Service der ekom21 nutzen. Damit lässt sich die Zusammenarbeit auf einer gewohnten und bewährten Plattform und vor einem sicheren Hintergrund organisieren. Die ekom21  steht mit Fachwissen und Erfahrung zur Verfügung,  so dass  wir Prozesse und Arbeitsabläufe planen und optimieren können. Für uns ist die ekom21 als Wissens- und Erfahrungsressource ein wertvoller Partner, um das gesamte Potenzial von Vernetzung und Synergien der Kooperation wirklich auszuschöpfen zu können.  
e-info21 digital: Wo sehen Sie die Verwaltung von Romrod 2020?
Dr. Richtberg: Oh, da folgen wir einem klaren Ziel: 2020 haben wir einen effizienten und erfolgreichen Verbund mit allen Partnern des Gemeindeverwaltungsverbandes, wir haben engagierte Verwaltungsexperten, zufriedene Bürgerinnen und Bürgern und das bei soliden Finanzen. 
e-info21 digital: Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Herausforderungen für Kommunen?
Dr. Richtberg: Da würde ich sagen:  
1. Die wachsenden bürokratischen Anforderungen so zu steuern, dass die Verwaltung für die Menschen arbeitet und nicht gegen sie.
2. Die Zusammenarbeit zwischen den ländlichen Kommunen dahingehend  zu optimieren, dass eine eigenständige Regionalentwicklung möglich wird.  
3. Einen fairen Interessen- und Ressourcenausgleich zwischen ländlichem Raum und Ballungsgebieten organisieren. 
e-info21 digital: Was haben Sie sich 2016 für Romrod noch vorgenommen?
Dr. Richtberg: Ich möchte die begonnen Projekte in allen unseren Orten weiterbringen. Vor allem geht es darum, gute Arbeit mit den städtischen Gremien zu leisten, damit die Bedingungen für das Leben in Romrod so bleiben, dass es Menschen hält,motiviert – und bezahlbar bleibt! 
e-info21 digital: Und was begeistert Sie privat?
Dr. Richtberg: Der Vogelsberg nach einem Gewitter, mein Mann, wenn er lacht, unsere wunderbaren Kinder, unser unberechenbarer Hund, schöne Musik, gutes Essen und spannende Bücher. 
Vielen Dank für das Gespräch! 

 

Weiterführende Links:  
Hier geht es zum Rathaus Romrod
Mehr als einen Ausflug wert: auf den Spuren Martin Luthers durch Hessen
Zur Interaktion mit den Bewohnern des Mehrgenerationenhauses lädt die Facebook-Seite ein
Radeln in Romrod und um Romrod herum